(c) Wilfried Hiegemann

Diaspora-Sonntag: „Christen müssen ihr Schneckenhaus verlassen“

  • 12.11.19, 10:54
  • Patrick Kleibold
  •   Nachgefragt

Monsignore Austen, das Bonifatiuswerk in diesem Jahr seinen 170. Geburtstag. Was bedeutet Ihnen dieses Jubiläum?

Erst einmal ist dieses Jubiläum für uns ein Anlass innezuhalten, um einen Blick in Dankbarkeit auf die Wurzeln unseres Hilfswerkes zu werfen, das zu den ältesten in Deutschland gehört. 170 Jahre Solidarität mit den Katholiken in der Diaspora, das bedeutet eine lange Tradition. Wir stehen in einer großen Geschichte, die geprägt ist durch das uneigennützige Handeln von engagierten Katholiken. Natürlich besinnen wir uns auch auf den Heiligen Bonifatius, nach dem unser Hilfswerk benannt ist. Seiner Tradition folgend, möchten wir unseren Glauben in der Gesellschaft zur Sprache bringen sowie die Frage nach Gott in Gegenwart und Zukunft wachhalten. Zugleich möchten wir uns bei all denjenigen bedanken, die uns auf unserem Weg unterstützt haben und unterstützen, sei es im Gebet, durch ehrenamtliches Engagement oder durch ihre Spende.

Welche Bedeutung hat das Hilfswerk für die Kirchenlandschaft in seinen Förderregionen?

Die Bedeutung unseres Hilfswerkes zeigt sich meines Erachtens am besten an der Vielzahl von Projekten, die wir gefördert haben und derzeit fördern. Seit 1949 wurden mehr als 11.500 Kirchen, Kapellen, Gemeindehäuser oder Kindergärten in unseren Förderregionen in Deutschland, in Nordeuropa und in Estland und Lettland unterstützt. In Ostdeutschland finden wir vermutlich kein Kirchengebäude, das nicht vom Bonifatiuswerk gefördert wurde. Ein weiteres sichtbares Zeichen der Unterstützung sind unsere rapsgelben BONI-Busse, von denen circa 600 in den Diasporaregionen unterwegs sind. Oder schauen sie auf die Kinder- und Jugendhilfe. Jährlich unterstützen wir katholische Kindertageseinrichtungen in Ostdeutschland mit 550.000 Euro und die Religiösen Kinderwochen mit 420.000 Euro. Gerade auch in den Zeiten der beiden Weltkriege und des Sozialismus konnten wertvolle Brücken der Nächstenliebe geschlagen und Beziehungen in die Diasporaregionen geknüpft werden

Wie reagiert das Bonifatiuswerk auf die sich verändernde Diasporasituation?

Wir analysieren natürlich, wie sich unsere Kirchenlandschaft verändert. Wir stecken in einem kontinuierlichen Prozess, in dem wir unsere inhaltliche Arbeit und unsere Abläufe hinterfragen und immer wieder mit den Verantwortungsträgern in den Diözesen abstimmen. Im Jahr 2013 haben wir die Glaubenshilfe als vierte Hilfsart eingeführt. „Als Hilfswerk für den Glauben“ fördern wir seit dem missionarische Projekte in ganz Deutschland und damit erstmals auch in katholischen Regionen. Mit der Förderung von missionarisch ausgerichteten Personalstellen wollen wir auch Menschen ansprechen, denen der Glaube fremd ist und ihnen so einen Zugang zu den Inhalten des Glaubens ermöglichen. Im Gegenzug können wir auch aus den verschiedenen Lebenswelten der Menschen lernen. Mit unseren Materialien zur Erstkommunion und zur Firmung möchten wir u.a. die Gemeinden in ganz Deutschland unterstützen, damit Kinder und junge Menschen positiven Erfahrungen in und mit unserer Kirche machen. Ein weiterer Ansatz ist unserer Praktikantenprogramm „Praktikum im Norden“, das jährlich bis zu 20 jungen Leuten ein Praktikum in der Kirche in Nordeuropa oder im Baltikum ermöglicht.

Was wünschen Sie Sich persönlich für die Diaspora-Aktion in diesem Jahr?

Das wir erkennen, dass es auch in den bewegten und belasteten Zeiten unserer Kirche vielerorts Glaubensbrüder und -schwestern gibt, die aus der Zuversicht des Glaubens heraus leben und handeln. Zugleich wünsche ich mich mir, dass uns möglichst viele Menschen am bundesweiten Diaspora-Sonntag am 17. November 2019 unterstützen und wir als Bonifatiuswerk auch weiterhin den Menschen in den Diasporaregionen finanziell und ideell zur Seite stehen können, in der Gewissheit, dass wir mit Gottes Segen zum Segen für andere werden.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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