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Die Schwestern und die Prostituierten

  • 01.09.20 14:24
  • Franziska Pröll
  •   Im Auftrag des Herrn

Marta Sánchez (der Name wurd geändert) bezeichnet sich selbst als „Überlebende“. „Ich bin einem System entkommen, das mir als Frau jegliche Würde geraubt hat“, sagt sie. Jahrelang prostituierte sie sich auf den Straßen der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Sie stieg mit fremden Männern ins Bett, ließ zu, dass diese ihren Körper berührten und in ihn eindrangen. Gewollt hat die 50-Jährige das nie. Im Gegenteil: „Ich ekelte mich selbst so sehr an, dass ich mich nur mit Alkohol oder Drogen ertrug.“ Marta hat den Absprung geschafft. Dank einer Gruppe von Ordensschwestern hat sie gelernt, dass es auch anders geht. „Die Schwestern haben mir gezeigt, dass ich für etwas anderes gemacht bin und etwas anderes machen kann als Männer zu befriedigen.“

Gespräche, Kochen, Gebet

Unter dem Namen „Red Tamar“ (Netzwerk Tamar) arbeiten die Ordensschwestern seit 15 Jahren mit Mädchen und Frauen, die sich prostituieren. Tamar – so heißt es im Alten Testament – ist von ihrer eigenen Familie missbraucht und verkauft worden. Für Menschen wie Tamar wollen die Ordensschwestern da sein – genau an dem Ort, wo die Frauen sich verwundbar machen. In Bogotá ist das vor allem Santa Fe. Der zentral gelegene Stadtteil ist eines der größten Rotlichtviertel Kolumbiens. Wie eine Umfrage des Stadtrats von Bogotá im Jahr 2019 ergab, sind 23.000 Frauen in der Hauptstadt als Sexarbeiterinnen tätig – ein Großteil in Santa Fe. Da die Dunkelziffer hoch ist, beschreibt diese Zahl nicht das ganze Ausmaß der Prostitution. Red Tamar verfügt in Santa Fe über ein eigenes Haus mit Büro- und Gemeinschaftsräumen. Mitglieder des Netzwerks empfangen die Frauen dort zu Gesprächen, zum Kochen oder Beten. Während der Corona-Pandemie haben 100 Frauen eine Lebens- und Hygienemittelspende für sich und ihre Familien erhalten, finanziert vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.

Offen und ehrlich

Die Ordensschwestern hoffen, dass die bereits vier Monate andauernde Quarantäne in Bogotá bald enden wird. Sie wollen wieder dorthin zurückkehren, wo man sie vor der Pandemie meistens angetroffen hat: auf die Straße. Wegen der Ausgangsbeschränkungen sind laut den Schwestern weniger Menschen in Santa Fe unterwegs als vor der Pandemie. Trotzdem sind die Straßen des Viertels Ende Juli gut besucht. Vor den Bars, Hotels und Bordellen stehen Frauen, die meisten von ihnen dünn bekleidet, außer Schuhen und Leggins tragen sie nur ein Bikinioberteil oder einen BH. Während die Frauen so versuchen, Männer auf sich aufmerksam zu machen, gehen die Schwestern auf sie zu. Auch wenn ein solches Setting für Gebete oder Gespräche ungewöhnlich ist, begegnen die Frauen ihnen in der Regel offen. „In Kolumbien gibt es nur wenige Menschen, die nicht an Gott glauben, oder überhaupt nichts mit ihm anfangen können“, sagt eine Mitarbeiterin von Red Tamar. Die Sexarbeit hinter sich zu lassen, das fällt den Frauen aus verschiedenen Gründen schwer. Viele sehen keine andere Möglichkeit, an Geld zu kommen. Aus Angst, die Wohnung nicht mehr bezahlen, den Kühlschrank nicht mehr auffüllen oder der Familie kein Geld mehr schicken zu können, prostituieren sie sich. Gerade Migrantinnen, vor allem aus Venezuela, berichten von solchen Zwängen. Wegen der Wirtschaftskrise in ihrer Heimat sind sie ins benachbarte Kolumbien geflohen, häufig nach Bogotá. Red Tamar schätzt, dass jede zweite Kontaktaufnahme zu einer Frau aus Venezuela erfolgt.

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