Josef Freise (c) Josef Freise

Die Straße zu Gott

  • 25.01.17 12:13
  • Josef Freise
  •   Im Auftrag des Herrn

Nicht die Kapelle, das Kloster oder das Exerzitienhaus sind hier Orte der Meditation, des Gebets und der Gottesbegegnung, sondern die Straße. Und das aus einem für Christian Herwartz guten Grund, weil Jesus doch von sich selber sagt: Ich bin die Straße. So jedenfalls interpretiert der Jesuitenpater und Exerzitienbegleiter das neutestamentliche Wort: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Zehn Tage dauern solche  Exerzitien auf der Straße, die das Jahr über in verschiedenen Städten Deutschlands angeboten werden. Es sind in der Regel zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die in zwei Fünfergruppen von je einem Begleiter und einer Begleiterin bei der allabendlichen Austauschrunde nach der gemeinsamen Eucharistiefeier betreut werden. Die Unterkunft ist – für alle, die damit zurechtkommen - sehr einfach in zwei Schlafräumen. Das Frühstück und das Abendessen werden reihum von Gruppenmitgliedern zubereitet. Den Tag verbringt jeder auf der Straße – wohin ihn oder sie „die Sehnsucht treibt“. Einmal in sich zu gehen und zehn Tage lang nicht fremdbestimmt etwas tun zu müssen, was der Chef, die Familie  oder die Kollegen erwarten, sondern ganz der eigenen inneren Stimme zu vertrauen. Das ist das Konzept und das geht auf.

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Christian Herwartz (c) Josef Freise

Für viele überraschend war schon die erste Ansage von Exerzitienbegleiter Christian Herwartz für die ersten beiden Tage: ausruhen, abschalten, viel schlafen und alles erledigen, was einem noch auf dem Herzen liegt, wie Telefonate oder Emails, um sich wirklich auf das einlassen zu können, was noch folgen sollte. Wir, die TeilnehmerInnen, bekommen die Frage auf den Weg: Was  brennt in Dir? Welche Sehnsucht ist so stark in Dir, dass sie immer wieder kommt, nicht aufhört? Ein sehr persönlicher Zugang. Mit der Geschichte von Hagar geht es weiter:  Hagar ist lebensmüde und macht eine Gotteserfahrung.

Sie gibt ihm den Namen: Du bist der Gott, der mich angeschaut hat (Genesis 16,13). Welchen Namen gebe ich Gott? Wie kann ich ihn ansprechen? Wie spricht er mich an? Die abendlichen Gottesdienste in der Gruppe beginnen oft damit, dass wir reihum Gott anrufen – mit dem Namen, den jeder von uns für ihn gefunden hat: Gott, der Du mir nahe bist – Gott, der Du mir hilfst, dass ich mich selbst aushalten kann – Gott, die Du mich zu den Menschen am Rande der Gesellschaft schickst.

Gemeinsamer Start in den Tag

Jeden Morgen werden wir nach dem Frühstück mit einem Morgengebet oder einem Impuls auf die Straße entlassen – wohin uns die Sehnsucht treibt. Jeder schaut, was er oder sie wirklich unterwegs braucht. So viel weglassen wie möglich ist die Devise: „Nehmt keinen Geldbeutel mit“ (Lk. 10). Wie viel Sicherheit brauche ich? Wie abhängig bin ich vom Geld? „Nehmt keine Vorratstasche mit!“ Kann ich mich darauf einlassen, eine Zeit lang Hunger zu spüren? Eine Liste mit möglichen Orten, wo wir Menschen am Rande der Gesellschaft treffen können, bekommen wir mit – aber sie ist nur eine Anregung. Christian Herwartz gibt uns auf den Weg, bei Gesprächen, auch den zufälligen bei der Wahrheit zu bleiben  und nicht etwa zu sagen: „Ich mache Urlaub.“ Wie kann man Menschen erklären, was wir machen? Jeder versucht es auf seine Weise. Jeden Tag aufs Neue.

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