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Die Weiße Rose und die Ethik des Widerstands

  • 18.07.19 11:19
  • Lars Schäfers
  •   Kurz und Knapp

Die Gedenk- und Vortragsveranstaltung begann mit der Niederlegung weißer Rosen am Denkmal der studentischen Widerstandsgruppe im Lichthof der Münchener Universität – jenem Ort, an dem Sophie Scholl die gegen Hitler und sein Regime gerichteten Flugblätter der Weißen Rose verteilte und dabei entdeckt wurde. „Weil sie die Menschlichkeit hochhielten, starben sie einen unmenschlichen Tod“, steht auf der Gedenktafel im zweiten Stock. Die Geschwister Scholl und weitere Mitglieder der Weißen Rose bezahlten den Widerstand mit ihrem Leben. Mehrere von ihnen waren angehende Sanitätsoffiziere, weshalb das Gedenken an die Weiße Rose auch für die Angehörigen der Bundeswehr von besonderer Bedeutung ist. Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck stand betend vor dem Bronzerelief der Weißen Rose, an dem die weißen Rosen niedergelegt wurden.

„Wir schweigen nicht“

In seinem anschließenden Vortrag in der Aula der jesuitischen Hochschule für Philosophie betont er, dass eine Ethik des Widerstands in vielfacher Art auch heute zu den Tugenden der Christinnen und Christen gehören sollte. Dabei spiele das Gewissen eine zentrale Rolle, wie es auch bei den couragierten Mitgliedern der Weißen Rose der Fall war. Viele Menschen wurden angesichts der verbrecherischen Nazi-Herrschaft und des grausamen Kriegs in Gewissenskonflikte gebracht, so Overbeck. Doch je totalitärer der Staatsapparat, desto größer die Lebensgefahr, weshalb viele untätig blieben. Der Bischof betont: Auch die Weiße Rose war sich des enormen Risikos sehr bewusst. Dennoch folgten sie ihren christlich inspirierten moralischen Prinzipien. „Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen“, schrieben die Mitglieder der Weißen Rose im vierten ihrer insgesamt sechs Flugblätter. Mit ihnen wollten sie alle Deutschen für den Weg des passiven Widerstands ermutigen und ihnen ihre moralische Verpflichtung ins Gewissen reden.

Das „böse Gewissen“ sein

Zur Frage, wie die Geschwister Scholl auch für uns heute Vorbild sein können, ermahnt in der anschließenden Podiumsdiskussion der christliche Sozialethiker Prof. Dr. Markus Vogt nicht zuletzt auch die katholische Kirche zu einem kritischen Blick auf ihre Erinnerungskultur: Viel häufiger wird Heiligen aus Antike und Mittelalter gedacht als jenen des 20. Jahrhunderts. Über Konfessionsgrenzen hinweg haben die Mitglieder der Weißen Rose gemeinsam Widerstand geleistet. Daher böte sich hierbei nach Vogt Chance zur Entfaltung einer ökumenischen Erinnerungskultur gemeinsam mit der evangelischen Kirche. Auch eine weitere Frage war Thema: Die Erlebnisgeneration des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur ist kaum mehr unter uns, wie also können wir ihren Geist weitertragen? Nicht zuletzt die rechtsextremistisch motivierte Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke zeigt, dass eine Ethik des Widerstandes gegen menschenverachtende, undemokratische Kräfte auch aktuell vonnöten ist. Auch heute braucht es Menschen, die das böse Gewissen all derjenigen sind, die Menschenwürde, Menschenrechten und Demokratie Verachtung entgegenbringen.

SommerZeit 2019 (c) Robert Boecker

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