(c) Robert Boecker

Die Weltpräsidentin

  • 30.06.20, 12:41
  • Birgitt Schippers
  •   Im Auftrag des Herrn

Marie Lavall ist in Köln geboren, getauft wurde sie aber nicht. Die Eltern waren der Meinung, sie solle über ihren Glauben selbst entscheiden. Im Alter von neun Jahren erklärte sie ihren Eltern, dass sie katholisch werden wollte. „Eine große Rolle spielte dabei meine katholische Großmutter. Denn wenn wir bei ihr in der Eifel auf dem Dorf waren, hat sie abends immer mit mir und meinem Bruder ein Gebet gesprochen. Das gab mir ein Gefühl der Beständigkeit. Und auch Weihnachten in der Dorfkirche hat mir gut gefallen.“ Besonders das starke Gemeinschaftsgefühl hatte sie nachhaltig beeindruckt. Marie wurde zusammen mit ihrem Bruder in der Eifel getauft. Den Kommunionunterricht in Köln fand Marie spannend, denn für sie war alles, was sie über Glauben und Religiosität hörte, völlig neu. „Es war eine sehr intensive Zeit“, sagt sie. 14 Jahre alt war Marie, als ihre Freundin sie auf ein Sommercamp der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) mitnahm. Eine Initialzündung für Maries weiteres Leben. Sie wurde Mitglied in der KjG und engagierte sich in jeder freien Minute für die innovativen Kinder- und Jugendprojekte ihrer Gemeinde. Ihre Klassenkameraden konnten ihre Begeisterung für katholisches Leben nicht verstehen. Für Marie aber war es eine prägende Zeit, denn sie erfuhr in der jungen Gemeinde viel über sich selbst. „In der Gruppe so zu sein, wie man ist, und zu lernen, sich individuell anzunehmen, das war einzigartig“, erinnert sie sich. Dazu gehörte es auch auszuhalten, wenn etwas nicht so lief wie gedacht. 

Kämpferisch aktiv

Spiritualität heißt für Marie: immer im Dialog sein ohne Hierarchien. Es ist ihr wichtig, dass Entscheidungen gemeinsam und auf Augenhöhe getroffen werden – basisdemokratisch von unten nach oben. „Wir sind nicht einfach nur da für die Kinderbespaßung in den Gemeinden“, sagt sie, „sondern wir wollen auch gleichberechtigt mitentscheiden können.“ Das findet nicht immer den Zuspruch bei den Gemeindeleitungen. Als Frau fordert Marie Lavall absolute Gleichberechtigung. Konsequent formuliert sie ihre Sätze gendersensibel. Sie spricht von Freundinnen und Freunden, vermeidet männliche Generalisierungen. Entwickelt hat sich ihre Gendersensibilität durch ihre Arbeit in der jungen Gemeinde. Bei den Freizeitangeboten wird darauf geachtet, dass sie Jungen wie Mädchen, Männer wie Frauen gleichermaßen interessieren. Von der Pfarrei- bis zur Bundesebene werden die Leitungen paritätisch besetzt. „Dass Diversität etwas Schönes ist, das hat mir die KjG beigebracht“, sagt sie. Dass aber Gleichberechtigung im weltweiten Maßstab nicht selbstverständlich ist, hat Marie nach dem Abitur während eines Praktikums am Goethe-Institut in Dakar (Senegal) erfahren. „Aber ich habe versucht, meine Position zu finden, und mich nicht gescheut, darüber kontrovers zu diskutieren.“ Gleichzeitig hat sie in dem vorwiegend islamisch geprägten Land als katholischer „Alien“ auch gelernt, ein vertieftes Verständnis für andere Kulturen zu entwickeln. Ihre unvoreingenommene Dialogfähigkeit, ihr Organisationstalent und christlich geprägtes Demokratieverständnis machten sie zur erfolgreichen Kandidatin für das Amt als Weltpräsidentin.

Die Zukunft in Afrika

Nach einem Präsidiums-Treffen in Rumänien steht fest: Marie Lavall wird in Zukunft die Öffentlichkeitsarbeit für die FIMCAP stemmen. Zusätzlich hat sie die Aufgabe, die katholischen Mitgliedsverbände in Afrika bei ihren Projektplanungen zu unterstützen und zu vernetzen. Keine leichte Aufgabe, denn das katholische Leben in den Jugendverbänden aus weltweit 33 Ländern ist sehr unterschiedlich. Für manche ist der tägliche Gottesdienst am wichtigsten, andere setzen in ihrer Kinder- und Jugendarbeit auf Umweltschutzprojekte. „Aber“, so Marie Lavall, „unser gemeinsamer Nenner ist, dass wir katholisch sind und auf Pfarreiebene aktiv.“ Auch als Weltpräsidentin steht für sie fest: Der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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