(c) Robert Boecker

Die etwas andere WG

  • 25.07.17 08:51
  • Anna Woznicki
  •   Im Auftrag des Herrn

Jeden Tag wird sie um 6.15 Uhr geweckt. „Guten Morgen Frau Jasper! Haben Sie gut geschlafen?“ Mit einem Ruck zieht Schwester Gabi Mahr die Vorhänge zurück, reicht ihr etwas zu trinken, wäscht sie, zieht sie an. Zum Frühstück gibt es immer das Gleiche. Ein Brot mit Aprikosenmarmelade. Nicht, weil es hier sonst nichts anderes gäbe, sondern, weil das zu dem festen Alltag der demenzkranken Bewohnerin dazugehört. „Rituale geben den Kranken Orientierung und Sicherheit“, weiß Schwester Mahr, die seit neun Jahren in der Demenz-WG arbeitet. Das kann das immer gleiche Zurückziehen der Vorhänge am Morgen sein – oder das gewohnte Gebet am Abend, die weiße Tischdecke am Sonntag oder jahreszeitliche Dekorationen: Rituale prägen sich fest ins Unterbewusstsein ein und sind selbst dann abrufbar, wenn das Gehirn schon stark geschädigt ist. Gemeinsam mit den sieben anderen Bewohnern sitzt Edith Jasper später in der Wohnküche. Das Radio wird eingeschaltet. Die Nachrichten aus Wuppertal werden kommentarlos verfolgt. Gespräche untereinander finden kaum statt. Jeder scheint sich in seiner eigenen Welt zu befinden. Und doch ist das Bedürfnis nach Ritualen bei den Bewohnern groß. Edith Jaspers Ehemann war Pastor.

Messe und Maniküre

 (c) Robert Boecker

Den sonntäglichen Gottesdienst im Fernsehen mit zu verfolgen – das gehört für die Seniorin ebenso dazu wie die Maniküre, die sie von den Schwestern nur zu gerne über sich ergehen lässt. „Sie hat schon immer Wert auf ihr Äußeres gelegt. Und das tut sie auch jetzt noch“, lacht Schwester Hilin Prick, die der Seniorin gerade eine knallige Farbe auf die Nägel aufträgt.

Am Anfang habe sie viele Erlebnisse mit nach Hause genommen, gibt die Mitarbeiterin zu. Menschen zu sehen, die einfach ihr komplettes Leben vergessen, das war ihr nicht leicht gefallen. Inzwischen weiß sie jedoch, was ihr Zufriedenheit in diesem Job gibt: „Auch wenn die Bewohner oft den ganzen Tag nichts sagen. Dann ist es doch das Lächeln, wenn man einen Witz gemacht oder ihnen eine andere Freude bereitet hat, was mich aufbaut.“ Auch über Besuch freuen sich die Senioren. Ganz gleich, wer kommt, denn meist wird der Gast gar nicht erkannt. Ob die eigene Tochter oder ein Enkel die WG besucht, ob der Hobby-Musiker, der immer donnerstags seine Gitarre mitbringt, der Physiotherapeut oder die Ehrenamtliche, die Gedächtnisübungen mit im Gepäck hat. „Hier herrscht eine sehr wohnliche Atmosphäre. Besuch setzt sich oft einfach mit an den großen Tisch dazu“, erzählt Gabi Mahr.

"O dio mio"

Sebastiana Raciti ist Italienierin und genießt ihre Zigaretten nach wie vor. „Sie erinnert sich nicht mehr an viel. Aber wie sie uns hinters Licht führen kann, um mehr Zigaretten zu bekommen, das weiß sie“, schmunzelt Prick. „Und wenn sie schimpft: Dann bitteschön auf Italienisch.“ Abends werden die Bewohner auf ihre Zimmer geleitet. Trotz selbst gestaltetem Namensschild und gro-ßem Foto des jeweiligen Bewohners an der Tür – alleine würden die meisten ihr Zimmer nicht mehr finden, sich selbst auf dem Bild nicht erkennen. Es ist eine Herausforderung für die demenzkranken Senioren, täglich aufs Neue sich und ihr Leben zu begreifen. Rituale dagegen laufen stets nach denselben Regeln ab und müssen nicht hinterfragt werden. Ein fester Rahmen für das, was sich nicht begreifen lässt, ist eine wahre Stütze in diesem Lebenspuzzle mit abertausenden kleinen Teilen.

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