(c) picturealliance_Axiom_Photographic_Steve_Benbow

Die (noch) Unvollendete

  • 19.09.16 07:53
  • Martin Mölder
  •   Kultur und Kirche

Wir schreiben das Jahr 2026. Mit einem großen Feuerwerk und einem Volksfest wird die Fertigstellung der La Sagrada Familia gefeiert, die Kathedrale der „Heiligen Familie“. Staatsgäste aus der ganzen Welt sind mit dabei, wenn Papst Franziskus, mittlerweile 89 Jahre alt, den ersten Gottesdienst in der fertig gestellten Kirche zelebriert. Außen überragt ein mehr als 170 Meter hoher Kirchturm aus Glas und Stahl alle anderen und im Inneren der Kathedrale preist das höchste Kirchengewölbe der Welt Gott, den Herrn. 75 Meter sind es von der Apsis bis zur Decke. So könnte es sein - in 10 Jahren. Im hundertsten Todesjahr Antoni Gaudís soll das Werk vollendet und die Arbeit am Bau der Sagrada Familia abgeschlossen sein. Bis dahin aber haben Jordi Bonet und Mark Burry, die beiden derzeitigen Architekten und Bauleiter der Großbaustelle noch jede Menge zu tun.

Mathematik und Kunst

 (c) picturealliance-_Arco_Images_GmbH

"Alles in dieser Kirche ist Mathematik", sagt Jordi Bonet, der verantwortliche Architekt der La Sagrada Familia. Sie sei Gaudís wahres Vermächtnis. In jedem Fall ist sie ein architektonisches Wunderwerk. Vieles sieht willkürlich aus, aber wer als eine Kirche mit dem höchsten Gewölbe der Welt plant, muss vor allem rechnen können und dann erst zeichnen. Beides beherrschte Antoni Gaugí in Perfektion.

Dort wo normalerweise gerade Wände und meterdicke Säulen in anderen Kathedralen für die Statik verantwortlich sind, findet man in der La Sagrada Familia verdrehte, geschwungene, gebogene Pfeiler und Stahlträger, die so filigran zu sein scheinen, dass sie an Luftschlangen erinnern. Dass genau diese elegant geschwungenen Stahlseile zwischen den Trägern einer exakt definierten, geometrischen Kurve folgen, bleibt dem Laien verborgen. Und doch folgt die gesamte verspielte Deckenform mit ihren trichterartigen Öffnungen strengen Regeln.

Die Kunst der Regelflächen

 (c) dpa_Toni-Garriga

Alle Flächen in Gaudís Kathedrale sind sogenannte Regelflächen: Paraboloide, Hyperboloide, die wie Sanduhren aussehen. Eine Regelfläche ist in der Mathematik eine zweidimensionale Fläche, die auf bestimmte Weise aus Geraden zusammengesetzt ist. Wer in der La Sagrada Familia nach diesen Regelflächen sucht, braucht zwar einen geschulten Blick, denn in den Säulen der Kirche gehen oft mehrere dieser Flächen ineinander über. Mark Burry kann sie aber sehen – und verstehen.

Das war für den Weiterbau entscheidend, denn Baupläne hatte Gaudí nicht hinterlassen. Dafür eine Menge kleine und größere Modelle aus Gips und Zeichnungen. Heute steckt die gesamte La Sagrada Familia im Laptop von Mark Burry – vieles in 3D. Auch deshalb sind die Architekten und alle Menschen in Katalonien sicher: 2026 wird sie fertig gestellt: die Kathedrale der „Heiligen Familie“.

AdventsZeit 2016 (c) Heiko Wrusch

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der AdventsZeit 2016.

Zur Adventszeit 2016 »