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Die satanischen Verse

  • 06.09.17 11:03
  • Martin Mölder
  •   Kultur und Kirche

14. Februar 1989: Der iranische Diktator Ayatollah Khomeini verurteilt Salman Rushdie vom Iran aus zum Tode und ruft weltweit alle Muslime auf, den Autor und „alle, die mit dieser Veröffentlichung zu tun haben" umzubringen“. Khomeini setzte ein millionenschweres Kopfgeld auf Salman Rushdie aus. Und tatsächlich verübten Attentäter im Juli 1991 Anschläge auf den italienischen sowie den japanischen und norwegischen Übersetzer der "Satanischen Verse". Der Italiener Ettore Capriolo überlebte schwer verletzt. Von drei Schüssen getroffen, brach der Norweger William Nygaard am 11. Oktober 1993 zusammen, aber überlebte. Der Japaner Hitoshi Igarashi wurde am 11. Juli 1991 erstochen. Und das alle wegen eine eher surrealen Geschichte zweier indischer Muslime, die auf dem Flug nach London als Einzige einen Terroranschlag überleben? Nein. Die Rahmengeschichte des Romans um den Schauspieler Saladin Chamcha und Stimmenimitator Gibril Farishta, die als Einzige den Absturz eines von Extremisten entführten Jumbo Jets überleben, ist nicht der Grund für die Aufregung Ende der 1980er Jahre.

Mahound = Mohammed

Der Stein des Anstoßes liegt vor allem in dieser Stelle des Buches und seiner Folgen begründet: Mahound, einem Geschäftsmann in der aus Sand gebauten Wüstenstadt Jahilia, flüstert eine Stimme ins Ohr: „Was für eine Art Idee bist du? Mann oder Maus?“ Jahilia steht für Mekka, der Geburtsstadt Mohammeds und hinter der Figur des Mahound verbirgt sich der Prophet Mohammed selbst. Das wird spätestens dann klar, als Mahound im Roman auch zum Propheten wird. Eines Tages berichtet Mahound seinen Anhängern, Karim Abu Simbel, der wichtigste Mann in Jahilia, habe ihm ein Abkommen angeboten: Wenn er bereit sei, wenigstens drei der 360 Götter – nämlich Al-Lat, Manat und Uzza – für verehrungswürdig zu erklären, werde man ihn in den Rat von Jahilia wählen. Mahound ist unsicher und steigt deshalb auf den Berg „Mount Cone“ um den Erzengel Gibril um Rat zu fragen. Danach, zurück in Jahilia sucht Mahound Abu Simbel auf dem Jahrmarkt auf. Auf die Frage, ob er an die Götter Al-Lat, Manat und Uzza gedacht habe, antwortet er laut: "Sie sind die erhabenen Vögel, und ihre Fürbitte ist wahrlich erwünscht." Noch einmal steigt Mahound auf den Mount Cone. Diesmal ringt er mit Gibril, bis er erschöpft zu Boden sinkt. Als er wieder zu sich kommt, begreift er, dass ihm die Anerkennung von Lat, Manat und Uzza nicht vom Erzengel, sondern vom Teufel eingeredet worden war. Trotz des Risikos, dafür umgebracht zu werden, eilt er nach Jahilia zurück und widerruft die Satanischen Verse. Mohammed, der den Muslimen die Heilige Schrift Allahs, den Koran gebracht hat, als fehlbarer Prophet, der sich vom Teufel blenden lässt und erst mehrere Götter statt einem einzigen anerkennt? Das war zu viel für einige Muslime und auch, wenn die Veröffentlichung mittlerweile 25 Jahre her ist, bleiben „Die satanischen Verse“ das im Islam wohl umstrittenste Buch des 20. Jahrhunderts.

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