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Die vergessenen Kinder

  • 13.07.18 10:00
  • Martin Mölder
  •   Im Auftrag des Herrn

Es begann bei Jenny (Name geändert) mit Problemen in der Schule. Die Leistungen der 12-Jährigen ließen nach und es gab Auseinandersetzungen mit einzelnen Lehrern. Nichts Dramatisches, aber Grund genug für Ihre Mutter Andrea Wehrmann (Name geändert) Hilfe bei einer Beratungsstelle zu suchen. Den Tipp hatte sie vom Familienzentrum bekommen, das ihr fünf Jahre alter Sohn Jeron besucht. So kamen Sie zu Jens Duisberg in die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Leverkusen. Der Diplom-Sozialarbeiter und systemische Paar- und Familientherapeut merkte schnell, dass die Schwierigkeiten Jennys in der Schule nur eines von vielen Problemen war, das in der Familie Wehrmann existierte. „Ich hatte es mit einer sogenannten Multiproblemfamilie“ zu tun, erinnert sich Duisberg heute, „deshalb lud ich alle vier zu einem Gesprächstermin ein“. Was er dann hörte, bestätigte seine Vermutung. Vater Thomas Wehrmann (Name geändert) wurde als Kind von seinem Vater misshandelt und landete selbst dann in der Drogenszene. Jetzt ist er clean, leidet aber an psychischen Störungen und hat sogenannte dissoziative Anfälle. Die ähneln in ihrer Ausprägung, zum Teil mit Krampfen oder Bewusstlosigkeit epileptischen Anfällen, sind aber rein psychisch begründet. Jenny hat einiger dieser Anfälle ihres Stiefvaters erlebt, auch dann, wenn ihre Mutter Andrea berufsbedingt nicht zu Hause war. Dann hat sie den Notarzt geholt und sich um Vater und Bruder gekümmert. Da war sie neun!

Ungewollter Rollentausch

„Parentifizierung“ nennen die Experten das Phänomen, dass Kinder die Rolle der Eltern übernehmen, weil die Eltern dazu aus psychischen Gründen nicht mehr in der Lage sind. „Wir versuchen, mit unseren Angeboten diese Rollenübernahme und die Übertragung der psychischen Probleme der Eltern auf die Kinder zu verhindern“, sagt Jens Duisberg. „Löwen-Kinder“ und „Löwen-Eltern“ heißen zwei dieser Angebote in Leverkusen, einem von insgesamt elf Stellen im Erzbistum Köln mit je einer halben Stelle, die das auf drei Jahre befristete Projekt „Chance for kids – Hilfen für Kinder suchtkranker und psychisch kranker Eltern“ umsetzen. Barbara Förster vom Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln ist Projektreferentin und koordiniert „Chance for kids“, das eine Stiftung, die nicht genannt werden möchte, noch bis August 2019 finanziell unterstützt. „Unsere Angebote heißen überall etwas anders: Phönix, Drachenflieger, Löwenherz, Löwenkinder. Die unterschiedlichen Namen sind Ausdruck der jeweils unterschiedlichen Ideen und Blickwinkel und den verschiedenen örtlichen Gegebenheiten“, sagt Förster, „denn vor Ort sind Kooperationen mit Kitas, Schulen Jugendämtern besonders wichtig, um das Thema zu enttabuisieren und zu entstigmatisieren“.

Solidarität durch Gespräche

In Leverkusen treffen sich die „Löwen-Eltern“ über einen Zeitraum von sieben bis acht Wochen einmal wöchentlich. Im Mittelpunkt der Treffen steht der gegenseitige Austausch. Andrea Wehrmann ist gerne zu den Treffen gegangen. „Die Fortbildung bei den Löwen-Eltern hat mir sehr viel gebracht. Da habe ich zum Beispiel gelernt, bewusst „Stop“ zu sagen, wenn es mir zu viel wird. Dieses „Stop“ gilt in mindestens gleichem Maße für die „Löwen-Kinder“, die in Kooperation mit dem Sozialpsychiatrischen Zentrum und dem Sozialdienst katholischer Frauen in Leverkusen durchgeführt werden. Kinder lieben ihre Eltern, egal ob ein Elternteil oder auch beide Elternteile abhängig von einem Suchtmittel sind. Doch nicht selten leiden diese Kinder an Schuldgefühlen, sind einsam und übernehmen zu früh und zu viel Verantwortung. Auch kleine Kinder bemühen sich mit allen Kräften, die Probleme der Eltern zu lösen und können dabei selber Schaden nehmen. „Wir reden mit den Löwen-Kindern darüber, was sie gut können und was sie gerne machen. Wir versuchen Ihre Potenziale zu fördern und nicht Mängel zu thematisieren“, sagt Familientherapeut Jens Duisberg.

Regelmäßige Treffen

Jens Duisberg trifft sich mit seinen zehn Kollegen aus den anderen Erziehungs- und Suchtberatungsstellen regelmäßig in Köln bei Barbara Förster, zum Austausch und zur Reflexion. „Diese Treffen sind wichtig, um unser Beratungsangebot stetig zu prüfen und zu verbessern“, sagt Förster. Dabei stellt sie immer wieder fest, dass es durchaus Möglichkeiten gibt, die Kinder von sucht- und psychisch Kranken aus der „Suchtspirale“ zu holen, also zu verhindern, dass sie selbst süchtig werden oder psychisch krank. Genau diese Sorge beschäftigt Andrea Wehrmann besonders. „Ich habe große Angst, dass Jenny eines Tages auch mit dem Mist anfängt, mein Bruder hat auch mit 12 Jahren das erste Mal Haschisch geraucht.“ Woher die Mutter, die selbst einen alkohol- und spielsüchtigen Vater und einen drogenabhängigen Bruder hatte, die Kraft nimmt, um für ihre Kinder und ihren kranken Mann zu sorgen, nebenbei noch als Tagesmutter zu arbeiten und hin und wieder auf Bierbörsen, um die Familienkasse aufzustocken, weiß sie selbst oft nicht. Gefragt, nach einem Wusch, sagt sie sofort: „Dass ich mal wirklich ankomme und Ruhe einkehrt bei uns“.

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

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