(c) Robert Boecker

Diözesanbibliothek: Hier wird in Äonen gedacht

  • 18.01.21, 12:06
  • Robert Boecker
  •   Kultur und Kirche

Marcus Stark liebt seine Arbeit. Der Herr über mehr als 775.000 Bücher kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen als den, den er seit einigen Jahren ausübt: Er ist Direktor der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek mit der Bibliothek St. Albertus Magnus. In den wunderschön gestalteten Bibliotheksräumen im Kölner Maternushaus herrscht fast andächtige Stille. Der Geist der Wissenschaft und der Gelehrsamkeit ist überall spürbar. Nur das leise Klicken der Laptop-Tasten der fünf Besucher, die sich an diesem Vormittag im Lesesaal an den Tischen mit Büchern umgeben haben und konzentriert in den Werken lesen, ist in der Ruhe zu vernehmen. Wissenschaftler, Studenten und interessierte Frauen und Männer nutzen das Angebot der größten theologischen Spezialbibliothek im deutschsprachigen Raum. Seit die Bibliothek ihre gesamten Bestände in einem online zur Verfügung stehenden Katalog gelistet hat, greifen Interessierte aus der ganzen Welt auf das an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr zur Verfügung stehende Angebot zu. „Als öffentlich zugängliche wissenschaftliche Gebrauchsbibliothek hält sie gemäß ihrem Sammelprofil einen umfangreichen, kontinuierlich ergänzten Medienbestand vor“, erklärt Stark. Allein in den vergangenen beiden Jahren sei der Medienbestand um 12.000 Einheiten gewachsen. 

Reicher Schatz

Wer sich für Theologie, Religionswissenschaft, Rheinische Kirchen- und Landesgeschichte, Philosophie oder die Geschichte, Kultur und Spiritualität des Dominikanerordens interessiert, der werde die Diözesan- und Dombibliothek und die 2007 übernommene Bibliothek des Dominikanerklosters Walberberg mit rund 150.000 Bänden als nahezu unerschöpfliche Quelle des Wissens kennen- und schätzen lernen, ist sich Stark sicher. Voraussetzung sei eine Anmeldung, die Anerkennung der Benutzerordnung und die Bereitschaft, eine kleine Gebühr für das Ausleihen der Bücher und Medien zu entrichten. Und dann kann jedes Buch ausgeliehen oder in den Lesesaal bestellt werden? „Theoretisch ja", sagt Stark, um sofort abwehrend die Hände zu heben. Praktisch sei dies sicherlich für mehr als 90 Prozent des Bestandes möglich. „Allerdings besitzt die Bibliothek eine einzigartige Sammlung von Handschriften, darunter einige der schönsten Beispiele mittelalterlicher Buchmalerei, die teilweise vor dem Jahr 1000 entstanden sind. Diese stellen wir natürlich nicht so ohne Weiteres einem Nutzer zur Verfügung.“ Bei begründetem wissenschaftlichen Interesse mache man allerdings auch Ausnahmen. In dem Zusammenhang verweist Stark darauf, dass fast alle Handschriften in digitalisierter Form für jeden, der daran Interesse habe, im Internet abrufbar seien.

Meister der Restaurierung

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Jemand, der sehr viele der mittelalterlichen Schätze bereits in seinen Händen gehalten hat, ist Bernd Schäfers. Seit fast 30 Jahren ist der gelernte Buchbinder als Restaurator in der Diözesan- und Dombibliothek tätig. „So wenig wie möglich, so viel wie nötig”, lautet Schäfers Devise, wenn er wieder einmal ein Buch vor sich liegen hat, das von Mäusen angeknabbert oder von Schimmel befallen ist oder bei dem es sich Borkenkäfer im Einband aus Holz gemütlich gemacht haben. Über mangelnde Arbeit muss sich der Tüftler und Bastler, der im Laufe der Zeit vieles ausprobiert und verbessert hat, nicht beklagen. „Mindestens für die nächsten 600 Jahre gibt es hier Arbeit für mich und meine Nachfolger. Stand heute.“ In der Bibliothek werde nicht in Jahren, „hier wird in Äonen, in Zeitaltern, gedacht”, sagt der bekennende Science-Fiction-Fan lachend.

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