(c) Jan Sting

Ein Feldweg, ein Kirschbaum und ein Kreuz

  • 18.06.20 12:45
  • Jan Sting
  •   Kultur und Kirche

Sie sind Zeichen für Pilger, Dank nach überstandenen Krisen. Sie stehen für Gedenken oder Sühne: Wegekreuze. Der Leichlinger Bildhauer Berthold Welter hat vor 20 Jahren ein einfaches Kreuz zwischen zwei Feldwege in Dierath gestellt und es hat den Ort verändert: „Ich glaube, wenn das Kreuz nicht an diesem Ort stünde, würde der Wanderer weitergehen. Das Kreuz schafft es, Gedanken oder den Gang zu unterbrechen. Es hilft, innezuhalten, die Umgebung genau wahrzunehmen, den Ort aufzunehmen", sagt der Bildhauer aus dem Bergischen Städtchen Leichlingen. Das Kreuz stellte er fast vor seiner Haustür im Örtchen Dierath. Eigentlich war es für einen Standort an einer kleinen Kirche in der Nähe von Euskirchen vorgesehen. Dort war es vor gut 20 Jahren in einer Ausstellung zu sehen. Aber der örtliche Karnevalsverein hatte bereits ein Kruzifix für den Platz gebaut und spendete es der Pfarrei. Daher nahm Welter sein Kruzifix wieder mit nach Hause und stellte es ins Feld. Es markiert eine Kreuzung zwischen den Feldern nahe des Roderhofs.

Corpus von der Kippe

 (c) Jan Sting

Am Anfang stand nur das Kreuz, dann stand ein kleines Kirschbäumchen da, irgendwann eine Bank. In der Kirche gab es ein Altärchen, das aber wegfaulte, dann kam eine Bank dazu – die Menschen gestalten sich so einen Ort. Flurkreuze, Gedenkkreuze, Pestkreuze, Sühnekreuze - Die Menschen haben in Krisensituationen an den unterschiedlichsten Stellen eine Corpus aufgestellt, der an Christus erinnert. Bei Berthold Welter hat es dabei eine ganz besondere Bewandtnis: Denn der Corpus, der angebracht wurde,  stammt von einer Friedhofsmüllkippe. „Da hatte ich ihn so gefunden.

Das fand ich einfach zu schade dort liegenzulassen und so hat er denn seinen Platz gefunden in dem Stamm mit den Holzschrauben", sagt Welter, der seine Objekte  gerne der Natur entlehnt. Das Holz ist Robinienholz. Auch der Stamm wäre weggeschmissen worden, weil er eine faule Stelle hat. Im Stamm der Rubinie sind Schwellen-Schrauben womit Eisenbahnschienen in der Spur gehalten werden.

Aus alt und kaputt mach neu und schön

Der Künstler verrät, dass ihn vor allem die achtlos weggeworfenen Dinge interessieren. Dinge, die für andere keinen Wert mehr haben, üben auf ihn wiederum eine Faszination aus. „Dieses Kaputte: Der Arm kaputt, der Fuß kaputt – der taug ja gar nix. Aber der taugt, so dass Menschen stehen bleiben, dass Menschen kurz innehalten. Ob der Arm dran ist oder nicht, dass macht null Unterschied. Das hat irgendeine Aura, die irgendwas bewirkt." Wer am Wegekreuz von Berthold Welter in den Feldern zwischen Dierath und dem Roderhof Halt macht, sieht auf grüne Wiesen, hört im Frühjahr und Sommer die Vögel zwitschern und kann den Moment genießen. Liebespaare sitzen auf der Bank neben dem Wegekreuz, Wanderer und Berthold Welter selbst. „Ja, weil es ist wirklich, wirklich ein schöner Platz."

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der SommerZeit 2020.

Zur SommerZeit 2020 »