(c) Peter Angenendt

Ein Labyrinth und der Lebensweg

  • 05.10.21, 17:05
  • Peter Angenendt
  •   Kurz und Knapp

Der heilige Stephanus gilt als erster Märtyrer des Christentums. Er wurde aus der Stadt Jerusalem getrieben und gesteinigt. In der 1965 geweihten Kirche Sankt Stephan in Brühl – entworfen von  Architekt Gottfried Böhm –  spielen die Steine daher eine besondere Rolle: „Die Außenhaut ist aus ausgewaschenen Kieseln aus dem Urstromtal des Rheins. Ganz viele Steine haben ganz verschiedene geologische Wurzeln. Die Idee: kleine und große Leute kommen hier her mit ihrer individuellen Geschichte“, sagt Rudolf Horn. 

Er steht vor dem wuchtigen Bau von St. Stephan: die Außenwände sind aus grauem Beton, nackt und schnörkellos. Daneben reckt sich ein Glockenturm in die Höhe, der aussieht wie ein Minarett. Horn ist Mitglied der Gemeinde und er hat einen Kirchenführer über diesen ungewöhnlichen Bau geschrieben. Unter dem Titel „Schritte in die Kirche zu Gott in den Alltag“ nähert sich der Theologe der architektonischen Idee von sechs sprechenden Räumen. Rudolf Horn: „Gemeint ist der reale Böhmbau, aber auch diese Gemeinschaft von Kirche, die so auf dem Prüfstand heute steht. Schritte in die Kirche zu Gott in den Alltag. Diese Trias ist eine unendlich faszinierende Abenteuerreise.“

Nicht immer geradeaus

Diese Reise bildet auch ein Labyrinth auf dem Boden des Gotteshauses ab: Schwarze Linien winden sich dort kreisförmig ineinander und umeinander. Der Weg führt über Wende- und Umkehrpunkte zur Mitte und zurück. „Dort kann der Besucher seine Schritte überdenken“, sagt Horn. Es gehe um den Lebensweg des Menschen, um seine Vernetzung, den Alltag und seine Religiosität. „Im Mittelpunkt aller Böhmbauten steht die Bedeutung und Würde jedes einzelnen Menschen.“  Auch Renate Höfing gefällt die Idee des Labyrinths. Sie ist schon mehrfach hindurch gegangen: „Der Weg im Leben ist nicht immer geradeaus. Es gibt immer Irrwege“, sagt die Seniorin. Renate Höfing findet, dass dieses Gotteshaus des 20. Jahrhunderts eine ganz eigene Wirkung auf Besucher hat. Sie erinnert sich, wie die Veränderung in der Formsprache der Kirchbauten nach dem Krieg auf sie wirkte. „Früher waren die Kirchen so düster und vollgestellt. Die modernen Bauten strahlen mehr Ruhe aus.“ 

Nicht unbedingt zum Ziel

Und die ist für Rudolf Horn eine zentrale Voraussetzung, um Schritte in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensweg zu gehen. Im Gästebuch der Kirche fand er schon viele spannende Einträge. Beeindruckt hat ihn die Geschichte eines Motorradfahrers, der über Wochen zu festen Zeiten am Feierabend durch das Labyrinth in Brühl ging. „Er ging seine Runden und hat später ins Gästebuch geschrieben: „Ich bin den Weg von der Mitte zurückgegangen, um wieder am Ausgangspunkt zu erkennen, was mein alltägliches Leben angeht.“ Horns Buch über St. Stephanus in Brühl lädt dazu ein, die Kirche zu besuchen neu zu entdecken. Und es macht noch einmal die Botschaft des Märtyrers Stephanus deutlich: Man sollte sich nicht beirren zu lassen. Da der Weg, auch wenn er steinig ist, nicht unbedingt zu einem Ziel führen muss, aber er kann das Ziel sein.  

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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