(c) Robert Boecker

Ein Leben für die Armen

  • 27.01.20 10:49
  • Robert Boecker
  •   Im Auftrag des Herrn

Der Abbé ist überall präsent: Im Foyer des villenähnlichen Gebäudes im Kölner Stadtteil Nippes hängen direkt gegenüber dem Eingang gerahmte Zeitungsartikel, Fotos und Zeichnungen des Kapuzinerpaters an der Wand. Im Speiseraum rechts vom Foyer schaut Abbé Pierre, der Mann, der 30 Jahre lang alljährlich zum beliebtesten Franzosen gewählt wurde, freundlich und gewinnend lächelnd vom Gemälde des Kölner Malers Rolf Maria Koller auf die Gemeinschaft herunter, die sich um die große Tafel versammelt hat. 15 Frauen und Männer, ein Kleinkind und ein Jugendlicher sind pünktlich um 13 Uhr zum Mittagessen erschienen. Die beiden Männer, die an diesem Tag für das Essen verantwortlich sind, haben zweierlei Art Tortellini, frischen Salat und eine köstliche Soße – ohne Fleisch – für die Pasta zubereitet. Erdbeeren und Eis gibt es zum Nachtisch. Die Frauen und Männer am Tisch leben, wohnen, arbeiten gemeinsam und bilden die Kölner Emmaus-Gemeinschaft. Mit ihnen am Tisch sitzen Willi Does und seine Frau Pascale. Zusammen mit ihrem erwachsenen Sohn Johannes, der mit seiner Familie ebenfalls Teil der Gemeinschaft ist, leiten sie seit vielen Jahren die Emmaus-Gemeinschaft in Köln. Willi Does ist gelernter Buchhändler, hat bei Bayer im Schichtdienst gearbeitet und sich vor vielen Jahren entschlossen, sein Leben in den Dienst an den Armen zu stellen.

Eigenständige Gemeinschaft

Von Anfang an habe die Emmaus-Gemeinschaft stets fasziniert, dass gemeinsame Arbeit die Grundlage sei für ein selbstbestimmtes Leben in Würde, und dies vor allem für Menschen am Rande der Gesellschaft, sagt Does. Von entscheidender Bedeutung sei die Autonomie der Gemeinschaft. „Wir leben von dem, was wir erarbeiten. Wir nehmen keine Zuschüsse oder Leistungen staatlicher Stellen in Anspruch“, so Does. Selbsthilfe heiße auch, unabhängig von Hartz IV zu sein. Dies habe auch die damalige Kölner Sozialdezernentin verstanden, die der Gemeinschaft die Nutzung des Hauses im Laachemer Weg für 25 Jahre kostenlos ermöglichte. Wer bei Emmaus anklopfe, deutsch spreche, kein Alkohol- oder Drogenproblem habe und zudem bereit sei, mitzuarbeiten, der könne im Haus ein Zimmer bekommen und solange Teil der Gemeinschaft bleiben wie er wolle, so Pascale Does. „Wir hatten schon Menschen, die wollten ewig bleiben – und waren nach drei Tagen wieder weg. Andere kündigten an, nur vorübergehend mit uns zu leben, und sie sind auch nach 15 Jahren immer noch Compagnons, wie wir die Mitglieder unserer Gemeinschaft nennen“, sagt die Französin.

Selbst nur Mindestlohn

 (c) Robert Boecker

Emmaus ist eine Gemeinschaft von Engagierten und Gestrandeten. Zusammen mit rund 100 ehrenamtlichen Unterstützern, die es nach Does’ Worten verstanden haben, „nicht für, sondern mit den Armen etwas zu tun“, betreibt Emmaus in der Kölner Geestemünder Straße, die nicht zu den bevorzugten Adressen der Millionenstadt zählt, ein großes Sozialkaufhaus. Hier gibt es von Möbeln über Haushaltswaren und Kleidern bis hin zu Büchern alles, was sich wiederverwerten beziehungsweise für kleines Geld wiederverkaufen lässt. Den Nachschub für die Verkaufsräume holen die Emmaus-Leute mit ihren weißen Lieferwagen überall im Kölner Norden.

„Wenn die Privilegierten und die Nicht-Privilegierten zusammenarbeiten und erkennen, dass es anderswo noch ärmere Menschen gibt, dann existiert Emmaus“, betont Does. Vor diesem Hintergrund ist es auch nur selbstverständlich, dass die Leute von Emmaus, die freiwillig alle nur – weil es Vorschrift ist – den gesetzlichen Mindestlohn beziehen, seit Jahrzehnten einmal in der Woche abends um 21 Uhr am Kölner Appellhofplatz Essen an Obdachlose ausgeben. Nach dem Mittagessen packen alle mit an, räumen den Tisch ab, spülen Geschirr. Noch schnell eine Tasse Kaffee, bevor sich die meisten wieder in den Transporter setzen und zu ihrem Arbeitsplatz ins Sozialkaufhaus fahren. Um 15 Uhr öffnen dort die Tore.

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

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