(c) Robert Boecker

Ein Sakrament des Trostes und der Stärkung

  • 09.08.22, 10:45
  • Robert Boecker
  •   Nachgefragt

Heinz-Peter Teller ist Pfarrer in Leverkusen-Opladen. Zu seiner Pfarrei gehören zwei katholische Krankenhäuser. Zu Tellers Aufgaben gehören auch die seelsorgliche Betreuung der Kranken und die Spendung der Krankensalbung. Über die Bedeutung dieses Sakraments hat Robert Boecker mit dem Stadtdechanten gesprochen.

 

Im alten Griechenland wurde den Verstorbenen eine Münze in den Mund gelegt. Damit sollte der Fährmann Charon bezahlt werden, der die Toten über den Styx, den Fluss in der Unterwelt, in das Reich des Todes, den Hades, bringt. Hat die „letzte Ölung“, oder wie man heute sagt „Krankensalbung“,  eine ähnliche Funktion, nämlich den Übergang vom Leben zum Tod zu erleichtern?

Beidem ist gemeinsam, dass es um die Sehnsucht nach einem Fortleben jenseits des Todes geht. Die Überzeugung, dass der Tod kein absolutes Ende ist, findet sich in allen Religionen. Allerdings gibt es gravierende Unterschiede, die hier deutlich werden: In der Vorstellung der alten Griechen führt der Weg der Verstorbenen in die Unterwelt und in ein trostloses Dasein im Schatten. Wir als Christen glauben, dass es einen liebenden Gott gibt, der uns mit ewigem Leben beschenken will. Dem griechischen Brauch und dem Sakrament ist gemeinsam, dass es um die Hilfestellung beim Übergang geht. Allerdings wird die Münze dem bereits Toten in den Mund gelegt, während das Sakrament nur den Lebenden gespendet wird. Beim einen geht es um eine Bezahlung, also etwas sehr Irdisches, beim anderen geht es um ein Geschenk, das ich empfangen darf, weil Gott sich mir zuwendet.

Wie sieht der typische Ablauf der Krankensalbung aus?

Die Salbung ist eingebettet in einen kleinen Gottesdienst mit Gebeten, Fürbitten, Lesung, Taufgedächtnis und Bußakt. Entscheidend ist die Salbung mit dem Krankenöl, das in einer besonderen Feier im Dom, der Chrisammesse, zu Beginn der Karwoche gesegnet wird und dann vom Kölner Dom aus in alle Gemeinden gebracht wird. Ist kein Krankenöl vorhanden, kann man das Öl auch zu jeder Feier der Krankensalbung neu segnen. Der Priester salbt mit dem Öl die Innenflächen der Hände und die Stirn und spricht dabei: „Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes: Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf.“ Die Salbung an der Stirn deutet hin auf die seelisch-geistige Dimension des Menschen, die Salbung der Hände auf die körperliche Wirklichkeit. Außerdem deutet die Salbung am Scheitel und den Händen die senkrechte und waagerechte Ausrichtung an und erinnert so an das Kreuz und Jesu Beistand in Leid und Krankheit.

Meine Oma war fest davon überzeugt: Mit der „letzten Ölung“ ist das Ende nahe. Heute spricht man vom Sakrament der Krankensalbung. Wo ist der Unterschied?

Es ist ein und dasselbe Sakrament. Nur die Ausgestaltung und der Zeitpunkt der Spendung haben sich im Lauf der Jahrhunderte verändert. Es geht vom Ursprung her nicht um eine Salbung zum Tod, sondern um ein Sakrament der Kranken. Darum wird bei der liturgischen Feier der Brief des Jakobus zitiert: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.“ Das ist neben einem Hinweis im Evangelium nach Markus die biblische Grundlage des Sakramentes der Krankensalbung. Hin und wieder mache ich heute noch bei ganz alten Menschen die Erfahrung, dass sie bei der Frage, ob sie die Krankensalbung wünschen, einen Schreck bekommen und denken: „Jetzt ist bald alles aus!“ Das ist aber nicht das Ziel und die Absicht der Salbung. Jedes Sakrament will das Leben stärken und bewahren. Deshalb hat sich nach der Liturgiereform wieder der ursprüngliche Name „Krankensalbung“ durchgesetzt an- stelle des Begriffs „letzte Ölung“.

 (c) Robert Boecker

Warum wünschen sich Menschen das Sakrament der Krankensalbung?

Es geht um Trost und Stärkung in einer Krankheit und um Gottes Zuwendung in körperlichem oder seelischem Leid. Eine ernste Erkrankung wirft uns aus dem normalen Alltag und erinnert unmissverständlich an die Vergänglichkeit.

Wie reagieren die Menschen auf dieses Sakrament?

Sehr unterschiedlich. Viele sind danach entspannt, erleichtert und wirken befreit. Ich habe auch schon erlebt, wie Kranke, die nicht mehr ansprechbar sind, plötzlich ihre Lippen bewegen, wenn ich das „Vater unser“ oder das „Gegrüßet seist du, Maria“ an ihrem Bett bete.

Selbst wenn man nichts mehr sagen kann, lösen das Hören der Texte und Gebete, die Handauflegung und die Salbung mit Öl auf der Stirn und in den Handflächen etwas aus.

Kann die Krankensalbung nur einmal empfangen werden?

Nein, man kann die Krankensalbung mehrmals empfangen, wie man im Leben ja auch mehrmals ernsthaft erkranken kann. Schwierig ist es, wenn etwa bei Seniorennachmittagen die Krankensalbung grundsätzlich allen gespendet wird, denn – wie der Name schon sagt – handelt es sich nicht um eine „Altensalbung“, sondern eine besondere Zuwendung kranken Menschen gegenüber.

Wer darf die Krankensalbung spenden?

Regulärer Spender ist heutzutage der Priester. Das war in der Geschichte aber auch schon anders. Die Spendung des Sakramentes ist auch manchmal mit der Beichte verbunden. Dies und die Tatsache, dass die Sorge um die Kranken nach dem Vorbild Jesu zu den priesterlichen Grundaufgaben gehört, haben zu der heutigen Praxis geführt. Dieser Dienst ergänzt die vielen Dienste an den Kranken durch Diakone, Krankenhausseelsorge, Besuchsdienst oder Hospize. Das muss im Idealfall ineinandergreifen.

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