Nadim Ammann (c) Mareike Thieben

"Ein regelmäßiger Schulalltag ist viel wert"

  • 16.09.16 10:18
  • Mareike Thieben
  •   Nachgefragt

Herr Ammann, wie ist zurzeit die Bildungssituation für syrische Kinder im Libanon?

Die Situation im Libanon ist mit rund eineinhalb Millionen Flüchtlingen angespannt. Viele wohnen in sehr großen Zeltstädten und die meisten Kinder besuchen keine Schule. Das ist gefährlich, denn dadurch fehlt ihnen in der ohnehin schwierigen Situation der Alltag und sie laufen Gefahr in die Hände krimineller Gruppen zu geraten. Leider klappt die Integration von syrischen Schülern in das libanesische Schulsystem nicht immer. Ein Problem ist, dass die Unterrichtssprache im Libanon überwiegend Französisch ist, syrische Kinder aber arabisch sprechen. Auch im Niveau des Unterrichts unterscheiden sich das syrische und libanesische System stark.

Wie sieht genau das Projekt vor Ort aus?

In einer Schule im libanesischen Zahlé wird am Nachmittag eine zweite Unterrichtsschicht eingerichtet. Dafür werden neun Lehrer und zwei Sozialarbeiter eingestellt. Die bieten einen Stundenplan an, der Elemente des libanesischen und des syrischen Schulsystems aufgreift. So haben die Schulkinder eine Chance, später in den regulären Schulbetrieb im Libanon zu wechseln.

 (c) Mareike Thieben

Viele Kinder sind traumatisiert. Wie wird an der Schule damit umgegangen?

Uns war es wichtig, dass es Sozialarbeiter gibt, die sich neben dem Schulbetrieb auf einer anderen Ebene mit den Kindern beschäftigen. Die beurteilen auch, ob eine weiterführende Therapie notwendig ist.

Für viele Kinder ist es aber schon hilfreich, beschäftigt zu sein und einen regelmäßigen Alltag haben. Die Sozialarbeiter stehen in den Pausen als Ansprechpartner zur Verfügung. Außerdem war uns das Element der Friedenserziehung wichtig. Die Kinder sollen merken, dass ein Zusammenleben zwischen unterschiedlichen Religionen und Kulturen möglich ist. Vielleicht werden einige von Ihnen in Zukunft ihre zerstörte Heimat wiederaufbauen.

Das Schulprojekt ist speziell für christliche Kinder ausgerichtet. Warum?

Während Muslime sich in der Regel bei der UN als Flüchtlinge registrieren lassen und damit ihre Kinder häufig auf Schulen in den Flüchtlingslagern schicken, haben Christen oft Angst vor Repressalien und leben lieber ohne Registrierung in armen Behausungen zur Miete. Damit fallen auch die Kinder aus dem System und besuchen keine Schule. Der Bedarf unter Christen nach Schulbildung ist deswegen momentan höher. Unter den einheimischen Kindern sind aber auch Muslime und es wird kein Kind aufgrund seiner Religion abgewiesen.

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