(c) Robert Boecker

Eine Entscheidung fürs Leben

  • 30.06.20, 13:14
  • Brigitte Schmitz-Kunkel
  •   Kurz und Knapp

Eine stille Straße im Düsseldorfer Norden. Ich stehe ein bisschen nervös vor dem Klingelschild des Mehrfamilienhauses, in dem das Ehepaar Wertens wohnt. Man weiß so wenig von Menschen, deren Demenz schon fortgeschritten ist – wie bei Maria Wertens, die von ihrem Mann Hans-Jürgen zu Hause betreut wird. Sie lacht, sie singt. Maria ist ganz da. Und schenkt einem mit ihrer unverstellten Art ein herzliches Willkommen. Irgendwann später merkt man ihr eine innere Unruhe an. Immer gleiche Sätze wirft sie auf Niederländisch, der Sprache ihrer Kindheit, ein, während ihr Mann erzählt. Seit acht Jahren pflegt und betreut der 76-Jährige seine Frau. Und mit immer gleicher Geduld wendet er sich ihr, die mit uns am gemütlichen Küchentisch sitzt und zuzuhören scheint, liebevoll und aufmerksam zu. Es wird auch gern gelacht bei Familie Wertens. „Mariechen, du bist ein Knaller!“, ruft er und nimmt sie lachend in den Arm, als sie ihm mit einem Kommentar zur Kinderschar ihrer Rotterdamer Eltern ins Wort fällt.

Seelennahrung statt Tabletten

Es dauerte damals lange, bis die Diagnose Alzheimer bei Maria Wertens feststand. „Jetzt kommt der Scheideweg“, wusste der frühere Ingenieur, „und ich habe mich ganz für die Maria entschieden.“ Viele Jahre lang reiste das Paar auf dem inneren Weg durch Europa, besuchte in Klöstern Schweigekurse, erlernte das Schreiben von Ikonen. „Die Pharmaindustrie hat ohne Erfolg gegen die Krankheit Unsummen verbraten. Mir war klar, dass Maria Seelennahrung braucht, viele Aktivitäten, die die Gefühle ansprechen.“ Hans-Jürgen Wertens absolvierte erst einmal einen Kurs für Demenzbetreuung, „damit ich überhaupt wusste, was läuft, man steht ja ständig vor neuen Aufgaben.“ Und die nimmt er ohne Wenn und Aber an. „Man muss einen anderen Zugang finden: Wenn man ganz im Hier und Jetzt ist, kann einen nichts mehr erschüttern.“

Fördern durch Fordern

Was seiner Maria guttut, weiß und spürt er. Sedierung ist tabu; morgens gibt es Johanniskraut, mit Lavendelkapseln schläft sie nachts durch. Maria Wertens hat in einem speziellen Museumskurs gemalt und getöpfert; sie mag meditativen Tanz, gemeinsam singen sie in drei Chören, und mit Engelsgeduld hat Hans-Jürgen Wertens seine Frau fürs therapeutische Reiten begeistert. „Ich sage immer, Leute, ihr müsst fördern durch Fordern. Die meisten sagen, das kann man nicht oder meine Frau macht das nicht, oder sie trauen sich nichts zu.“ Wertens hingegen reisen sogar bis nach Madeira. „Wir beide sind ständig unterwegs“, erzählt Hans-Jürgen Wertens. „Maria hat ein Schild in mehreren Sprachen mit, falls sie doch wider Erwarten ausbüxt. Wir melden sie bei der Airline für den Rollstuhldienst an, nach der Ankunft nehmen wir einen Leihwagen, und los geht’s. Problemlos!“ Bittere Erfahrungen blieben dem Paar dennoch nicht erspart; die beste Freundin der 75-Jährigen war irgendwann keine mehr. Doch in den Düsseldorfer Gemeinden, in denen sich das Paar bewegt, sind sie beliebt und „gut aufgehoben“, wie Hans-Jürgen Wertens sagt.

Keine Angst vor Zukunft

„Wenn Sie viel aktiv sind, schaffen Sie 18 Jahre“, habe ihm der Arzt nach der Diagnose erklärt. „Wir sind jetzt im neunten Jahr. Und die anderen neun Jahre, die schaffen wir auch noch, das ist meine Richtschnur.“ Ein Pflegezimmer ist fertig vorbereitet. „Jetzt bin ich noch in Saft und Kraft, ich weiß ja nicht, ob ich in fünf Jahren noch etwas zuwege bringe“, sagt Hans-Jürgen Wertens. Manchmal erkennt Maria Wertens ihren Mann nicht mehr, sie verliert zunehmend Fähigkeiten und Orientierung. Angst vor der Zukunft hat Hans-Jürgen Wertens nicht. „Ich nehme alles an, was kommt. Meine Erfahrung ist: Es hat sich immer eine Tür aufgetan. Wenn eine zugeht, geht die andere auf.“ Dann sagt er zu ihr: „Et hätt noch immer jot jejange, nicht, Marie?“ Und mit Temperament antwortet sie: „Ja, naturlijk!“

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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