Der Leipziger Thomanerchor (c) picturealliance_Waltraud_Grubitzsch

Einmal Thomaner, immer Thomaner

  • 21.08.16 11:16
  • Martin Mölder
  •   Kultur und Kirche

Georg Schütze war gerade mal sechs Jahre alt, als er in seiner Kindertagesstätte Besuch bekam. Einer Erzieherin war sein musikalisches Talent aufgefallen und deshalb durfte er an diesem Morgen mit einem anderen Kind zusammen einem so genannten Scout des Thomanerchores vorsingen. Georg klopfte dem Talentsucher Rhythmen nach und wiederholte Melodien, die ihm vorgesungen wurden. Und beides machte er so gut, dass er fortan in den Listen des Thomanerchores geführt und während der Grundschulzeit schon musikalisch gefördert wurde. In der Prüfung für die dritte Grundschulklasse musste Georg bereits "vom Blatt singen", also die notierte Melodie singen ohne jemals zuvor die Noten gesehen zu haben. Intervalle heraus hören oder selbst stimmlich bilden, Rhythmen nachklopfen und schließlich ein einstudiertes Lied vorsingen sowie ein Stück auf dem selbst gewählten Instrument vorspielen - all das gehört zur Prüfung, damit sich die kommenden Chorknaben "Thomaneranwärter" nennen dürften.

Musikalische Früherziehung

Die Thomaneranwärter besuchen die zentral gelegene Edouard-Manet-Grundschule. Am Nachmittag erlernen die Jungen in täglichen Singestunden spielerisch altersgerechte Lieder und die Grundlagen der Musiktheorie. Außerdem sammeln sie erste Erfahrungen im Chorgesang. Zusätzlich erhalten sie instrumentalen Einzelunterricht und Stimmbildung. Ab der 3. Klasse werden die Thomaneranwärter intensiv auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet. Die Entscheidung, Thomaner werden zu wollen hat Georg da schon längst getroffen. Natürlich nicht alleine. Eltern, Georg Christoph Biller, der Thomaskantor und damit Chorleiter der Thomaner und vor allem Georg selbst haben vor acht Jahren gemeinsam überlegt, ob dieser Weg der richtige für den damals achtjährigen Jungen ist. Heute ist Georg 16 Jahre alt und bereut diese Entscheidung von damals nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Er sagt heute: "Ich habe so ein Glück, Teil dieser besonderen Thomanerwelt zu sein. Das sind alles Erfahrungen, die mich fürs ganze Leben bereichern." Was genau gehört aber zu dieser Welt der Musik und des Gesangs?

Der "Kasten" - das Alumnat

„Unser Kasten“ nennen die Thomaner selbst ihr Internat. „Alumnat“ ist der korrekte Begriff dafür und sobald die Thomaner ihr Internat betreten sind werden sie häufig "Alumnen" genannt. Hier leben, essen, schlafen sie. Hier machen sie ihre Hausarbeiten, üben, aber spielen auch Fußball oder treiben anderen Sport. "Natürlich hat der ein oder andere am Anfang auch Heimweh hier," sagt Dr. Stefan Altner, seit 1993 Geschäftsführer des Chores und früher selbst Thomaner, "aber meistens legt sich das und dann wollen die Jungen gar nicht mehr weg hier, weil sie schnell Freunde finden und Gleichgesinnte treffen." So war es auch bei Georg. Die Chorgemeinschaft im Alumnat wird auch dadurch geprägt, dass jeder Einzelne Verantwortung für das gemeinsame Leben übernimmt. Grundprinzip ist, dass Thomaner verschiedener Altersstufen auf den Stuben zusammen leben, wobei "Stube" der Begriff für mehrere meistens Zweier- und Dreierzimmer ist, die sich ein gemeinsames Bad und einen Gemeinschaftsraum teilen. Auf den Zimmern wohnen immer nahezu gleichaltrige Thomaner, aber die meist 10 oder 11 Thomaner einer Stube mit drei bis vier Zimmern sind immer unterschiedliche alt. So helfen die Älteren der insgesamt 106 Thomanern den Jüngeren beispielsweise bei den Hausaufgaben oder auch beim Üben der aktuellen Chorsätze, Kantaten oder Motetten.

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