(c) Robert Boecker

Eremitin Schwester Benedicta: In der Einsamkeit nicht allein

  • 22.03.22, 15:22
  • Robert Boecker
  •   Im Auftrag des Herrn

Als Schwester Benedicta die Tür zu ihrer Eremitage auf dem Godesberg, direkt neben der St.-Michael-Kapelle, öffnet, führen die wenigen Treppenstufen weder in eine Felsspalte noch in eine Grotte. Stattdessen steht man in einem winzig kleinen Innenhof, den im Sommer zahllose Blumen schmücken. Die sympathische Ordensfrau mit dem gewinnenden Lächeln lässt ihren Besuch für einige Augenblicke die Eindrücke dieses kleinen Idylls aufnehmen. Dann bittet sie freundlich herein. „Seien Sie vorsichtig und ziehen Sie Ihren Kopf ein.“ Die Menschen, die dieses Haus vor mehr als 300 Jahren gebaut hätten, seien deutlich kleiner gewesen. Es war der Kölner Kurfürst Joseph Clemens von Wittelsbach, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts mit der St.-Michael-Kapelle auch die unmittelbar daneben liegende Eremitage bauen ließ. Bis zur Säkularisation bewohnten Eremiten das kleine Haus am Berg oberhalb von Bad Godesberg.

Ein „einfaches“ Mädchen

Seit 15 Jahren lebt die aus Mondorf am Rhein stammende Ordensfrau hier. Nicht nur die Decke ist niedrig, in dem Haus ist alles winzig. Durch eine kleine Küche geht es in die ebenfalls kleine Stube. Ein Tisch, eine Eckbank, zwei Stühle und ein Regal finden in dem weniger als zehn Quadratmeter großen Raum Platz. „Immerhin bekomme ich hier auch noch ein Weihnachtsbäumchen rein. Das ist mir wichtig, denn zu Weihnachten kommt mich immer meine kleine Großnichte Zoe besuchen – und da muss einfach ein geschmückter Baum in der Stube stehen“, sagt sie voller Überzeugung. 74 Jahre alt ist Schwester Benedicta. Aufgewachsen in einer großen Familie, entscheidet sie sich als junge Frau, in den Orden der Servitinnen, zu dem sie auch als Eremitin gehört, einzutreten. Sie arbeitet als Krankenschwester und lebt im Kloster als Teil einer Gemeinschaft. Sie spürt, dass das Ordensleben, wie sie es führt, nicht das Ende ihrer Berufung ist. „Der Samen für die Berufung, mein Leben als Eremitin zu verbringen, der ist bei mir schon im Noviziat grundgelegt worden“, erinnert sie sich an entsprechende Aussagen ihrer Novizenmeisterin. Es habe sie fasziniert, von Frauen und Männern zu lesen, die sich in die Einsamkeit zurückgezogen und dort ihr Leben ausschließlich für Gott gelebt haben. „Aber dann habe ich mir immer wieder gesagt: Eremit werden, das können nur besonders fromme und intelligente Menschen und nicht ein so einfaches Mädchen, wie ich es bin“, sagt sie mit rheinischem Idiom und lacht. Der Gedanke aber lässt sie nicht los. Von einem Prälaten im Kölner Generalvikariat bekommt sie die Anschrift eines aus dem Erzbistum Köln stammenden Eremiten, der im Tessin in der Schweiz lebt. Schwester Benedicta nimmt Kontakt auf. Man schreibt sich.

Vom Rheinland in die Alpen

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Eines Tages macht sich die Ordensfrau auf den Weg in die Einsamkeit der Schweizer Berge. „Da, wo es nicht mehr weitergeht, da muss man weitergehen“ lautet die tiefgründige Wegbeschreibung, die Gabriel Bunge – so der Name des Eremiten – der Schwester aus dem Rheinland mit auf den Weg gegeben hat. Die beiden verstehen sich.

„Das Eis war schnell gebrochen“, sagt die Schwester. Das war 1994. Von da an besucht sie den Eremiten regelmäßig. Bunge wird ihr geistlicher Begleiter – und ist es bis heute. Sie kontaktiert andere Frauen und Männer, die als Eremiten leben. Davon gibt es mehr als 100 in Deutschland und im benachbarten Ausland. „Womit kann man einen Eremiten nicht vergleichen? Mit einem Eremiten!“ lautet ihre Erkenntnis aus all ihren Gesprächen. Jeder lebe sein Leben nach individuellen Vorstellungen. „Haben Sie Ihre Koffer gepackt?”, fragte Vater Gabriel Schwester Benedicta eines Tages beim Abschied. „Trauen Sie mir das zu?“, entgegnete sie, und als er mit großer Überzeugung „Ja“ sagte, stand ihr Entschluss fest: „Nach 38 Jahren im Orden muss ich meine zweite Berufung erproben.“

Kontakt mit Internet und Telefon

Schwester Benedictas Tag hat eine feste Struktur, die durch die Gebetszeiten in der – natürlich ebenfalls winzigen – Kapelle im Dachgeschoss geregelt ist. Persönliches Gebet, Schriftbetrachtung, das Studium der Konstitutionen des Ordens, die Vertiefung in geistliche Literatur, das Stundengebet und die Beschäftigung mit den Wüstenvätern und -müttern als Prototypen des eremitischen Daseins bestimmen ihr Leben. Corona hat ihr Leben nicht wirklich verändert. „Es ist eine eremitenfreundliche Zeit“, scherzt sie. Aktuell verlässt sie ihr Häuschen noch seltener als sonst. Am täglichen Gottesdienst nimmt sie mithilfe des Internets teil. Die samstäglichen Gespräche mit Menschen, die von weit herkommen, um mit der Einsiedlerin über ihre Sorgen und Nöte zu sprechen, finden coronabedingt am Telefon statt. Obwohl sie allein und abgeschieden lebt, ist die klar und entschieden auftretende Ordensfrau nicht aus der Welt: „Ich sehe und bekomme sehr wohl mit, was die Pandemie mit vielen Menschen macht. Ich denke an die Kinder, sei es in der Schule oder im Kindergarten, an Erzieher und Erzieherinnen, an Lehrer und Lehrerinnen. Ich denke an die alten, einsamen und kranken Menschen, die überlasteten Pflegekräfte und auch an die vielen, die um ihre Existenz bangen.“ Vielleicht sei die Pandemie ein Weckruf an die Gesellschaft, der unsere Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit deutlich vor Augen führe. „Wir fliegen zum Mars, und hier unten hält ein Virus die Welt in Atem.“ Trotz aller Sorgen und Nöte ist sie überzeugt: „Gott ist auch gegenwärtig in schweren, dunklen Zeiten. Er kann uns Licht sein.“

AdventsZeit 2021 (c) Robert Boecker

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