(c) Markus Harmann

"Es könnte jeden Tag soweit sein"

  • 11.05.17 15:25
  • Markus Harmann
  •   Kurz und Knapp

Eine von ihnen ist Eyman. Zwei Stunden, bevor der IS ihr Dorf nahe Mossul im Nord-Irak einnahm, konnte die Christin entkommen. Die 26-Jährige floh mit ihrem Mann und ihren drei Kindern zunächst nach Erbil in der Kurdenregion, später nach Jordanien. Seit zehn Monaten ist sie im Land und verdient als Krankenschwester ein bisschen Geld. Im Hashmi-Zentrum der Caritas in Amman kümmert sie sich um kranke irakische Flüchtlinge. Fast alle, die an diesem Morgen hier warten, haben die typischen Krankheitssymptome von Menschen auf der Flucht: Bluthochdruck, depressive Verstimmungen, Traumatisierungen. Eyman kennt das: „Ich habe es selbst bei meinem Mann erlebt“, erzählt sie. „Er leidet unter unserer Flucht.“ Während sie arbeitet, kümmert er sich um die drei Kinder (8, 5 und 2 Jahre alt). Im Irak hat er als Ingenieur gearbeitet, daran sei derzeit nicht zu denken.

Mernas Flucht

Auch Merna hielt sich nur wenige Tage im Flüchtlingslager auf, als sie vor vier Jahren aus Damaskus nach Jordanien floh. Die 21-Jährige lebt mit ihrem Mann und den Kindern Akram (10 Monate) und Leyan (4 Jahre) in einem heruntergekommenen Apartment in der Stadt Al-Salt, westlich von Amman. Das Haus liegt an einem Hang, die Treppe ist steil. Eine flackernde Neonröhre wirft schummriges Licht in den Raum, die wenigen Möbel hat der Vermieter gestellt. Trotzdem kostet die Zwei-Zimmer-Wohnung umgerechnet fast 200 Euro monatlich. Ihr Mann jobbt als Küchenhilfe, ohne das Geld vom UNHCR und die Lebensmittel-Gutscheine der Caritas käme Mernas Familie aber nicht über die Runden. Je nach Bedürftigkeit der Flüchtlinge verteilt die Caritas Jordanien über ihre rund ein Dutzend Zentren im Land entweder Gutscheine für Lebensmittel und Hygieneartikel oder zahlt Mietbeihilfen.

Eymans Dankbarkeit

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2100 Familien sollen von den Bargeld-Auszahlungen bis 2018 profitieren. Umgerechnet bekommt eine Familie im Jahr bis zu 1160 Euro von der Caritas. Eyman, die Krankenschwester, hätte sich gut vorstellen können, in Jordanien zu bleiben. Als Christin sieht sie im Irak keine Perspektive für sich und ihre Familie. In Jordanien braucht sie ihren Glauben hingegen nicht zu verstecken. „Dafür bin ich ewig dankbar.“

Trotzdem wird sie das Land verlassen. Als sie hörte, dass Australien 500 Visa für Flüchtlinge in Jordanien vergeben würde, hat sie sich beworben – und hatte Glück: Sie und ihre Familie dürfen einreisen. „Wir warten jetzt nur noch auf die Flugtickets. Es könnte jeden Tag soweit sein.“

 

Am Montag, 15.05.2017, von 10.00-12.00 Uhr wird Markus Harmann in der Sendung domradio-weltweit über seine Reise durch Jordanien berichten. Moderation: Martin Mölder

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