(c) Robert Boecker

Familienwärme für verletzte Kinderseelen

  • 09.08.22, 10:34
  • Marco Eschenbach
  •   Im Auftrag des Herrn

Am gedeckten Tisch sitzen, Hilfe bei den Schulaufgaben bekommen, mit Mama und Papa kuscheln: Das alles kannte Markus (Name von der Redaktion geändert)  nicht. Schon als Junge verbrachte er die meiste Zeit auf der Straße – gegessen wurde draußen, bei den Hausaufgaben haben ihm Obdachlose geholfen. Nach Hause kommen wollte Markus schon lange nicht mehr. Denn dort warteten Alkohol und Schläge. „Markus kannte kein normales Familienleben. Er hat bei uns kaum geschlafen, sah alt und mitgenommen aus“, erinnert sich Peter Heidbrink (Name von der Redaktion geändert) an die erste Zeit mit dem Jungen. Peter war Markus‘ zweiter Papa – kein normaler, ein ganz besonderer: Denn Peter hat mit seiner Frau den damals 11-Jährigen als Pflegekind – ihr erstes – bei sich aufgenommen. Heute, 25 Jahre später, ist Peter Heidbrink 65 Jahre alt. Bis heute haben er und seine Frau insgesamt sechs Pflegekindern im Alter von zwei bis elf Jahren ein neues Zuhause geschenkt. Anfangs haben sie die Pflegschaft einfach ausprobiert – sie hatten eine Annonce in der Zeitung gelesen. Schnell haben sie aber gemerkt, dass der „Job“ der Pflegeeltern alles andere als ein ganz normaler ist. „Wenn du das nicht aus Überzeugung machst, wirst du sehr schnell auf die Nase fallen“, weiß Heidbrink heute.

Vertrauen ist die Basis

Die Herausforderungen sind groß: Fast alle Pflegekinder bringen traurige Vorgeschichten mit. Sie kommen oft aus zerrütteten Familien, wo Gewalt, Drogen und in manchen Fällen auch Missbrauch den Alltag bestimmten. Als Pflegekinder haben sie aber einen wichtigen Wendepunkt bereits hinter sich, die sogenannte Inobhutnahme durch das Jugendamt. Die soll die Kinder vor dem Schlimmsten schützen. „Mit der Vermittlung in Pflegefamilien gibt man den Kindern die Chance auf eine stabile Entwicklung“, sagt Ursula Hennel, Leiterin des Adoptiv- und Pflegekinderdienstes beim Sozialdienst katholischer Frauen und Männer (SKFM) in Düsseldorf. Es gehe darum, für die Kinder eine normale Familie zu sein. „Zeit nehmen und Vertrauen aufbauen – das ist wichtig“, sagt der Pflegevater. Das klappt nicht auf Knopfdruck. Verlässlichkeit und Rituale wie das gemeinsame Essen oder immer gleiche Schlafenszeiten stabilisieren die Kinder. „Das kann dauern“, berichtet Heidbrink. Die Umstellung auf einen strukturierten Familienalltag falle vielen Kindern nach Jahren der Verwahrlosung schwer. „Waschen, Zähneputzen, aber auch Dinge wie gesunde Ernährung sind erst mal nicht der Hit.“

Stinknormales Leben als Ziel

Für die Großfamilie, zu der auch zwei eigene Kinder zählen, haben die Heidbrinks im Düsseldorfer Umland genug Platz im eigenen Haus geschaffen. Aber nicht nur Platz, auch Zeit spielt eine wichtige Rolle. „Pflegschaften zwischen Tür und Angel gibt es nicht. Wir achten darauf, dass immer jemand voll und ganz für die Kinder da ist“, sagt SKFM-Mitarbeiterin Hennel. Mit vielen Pflegekindern hat Heidbrink heute noch Kontakt. Viele sagen immer noch Papa zu ihm. Das rührt ihn. Genauso die Tatsache, dass er und seine Frau Weichen für eine bessere Zukunft stellen konnten. „Fast alle führen ein stinknormales Leben. Das ist gut. Dann haben wir einen guten Job gemacht“, sagt er. So auch beim ersten Pflegekind Markus: Er steht mit eigener Familie fest im Leben, erzählt Heidbrink. „Wie’s jetzt weitergeht, das liegt nicht mehr in unserer Hand – übrigens genauso wenig wie bei unseren leiblichen Kindern.“

Pflegeeltern dringend gesucht

Die Zahl der Pflegekinder in Deutschland steigt stetig. Allein in den letzten zehn Jahren verzeichneten die Jugendämter ein Plus von über 35 Prozent – 2020 waren weit über 90.000 Pflegekinder gemeldet. Pflegeeltern geben – gegen ein Entgelt – den Kindern ein neues Zuhause, entweder kurzfristig (maximal sechs Monate) in der Bereitschaftspflege (Alter: 0–3 Jahre) oder dauerhaft in der Vollzeitpflege (4–18 Jahre). Pflegekinderdienste wie die der Caritas-Fachverbände SkF (Sozialdienst katholischer Frauen) und SKFM (Sozialdienst katholischer Frauen und Männer) vermitteln Kinder in Familien und begleiten alle Beteiligten in der Pflegschaft dauerhaft. So bereiten sie zum Beispiel die kommenden Eltern in Kursen auf ihre Aufgaben vor, unterstützen beim Kennenlernen oder klären Fragen im Zusammenleben.

Mehr Informationen zur Pflegeelternschaft gibt es hier

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