Genter Altar (c) KNA_Harald-Oppitz

Flanderns Nationalheiligtum

  • 08.06.16 12:16
  • Martin Mölder
  •   Kultur und Kirche

Als der Künstler Jan van Eyck im Jahr 1420 den Auftrag für den Genter Altar  bekommt, freut er sich, auch wenn er damals schon ahnt, dass viel Arbeit vor ihm liegt, denn sein Auftraggeber, das reiche Genter Patrizierehepaar Jodocus Vijd und Isabella Borluut hat konkrete Vorstellungen, wer und was alles auf dem Altar zu sehen sein soll. Welche Motive das fromme Paar dem Künstler ausdrücklich vorgeschrieben haben ist bis heute nicht sicher überliefert. Dass sie aber selbst auf der geschlossenen Alltagsseite des Altars in betender Haltung zu sehen sind, ist gewiss kein Zufall. Ihre Blicke wenden sich den beiden Männern in der Mitte des unteren Teils des Genter Altars zu: Johannes der Täufer mit einem Lamm auf dem Arm und der Evangelist Johannes, dargestellt mit einem Becher voller Schlangen. Über ihnen sieht man die Verkündigungsszene.

Rätselhafte Theorien

Viele verschiedene Deutungsansätze jenseits der augenscheinlich ausschließlich frommen Darstellung von Adam, Eva, musizierenden Engeln, Maria, Gottvater, Johannes, dem Täufer und dem Lamm Gottes gaben in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder Stoff für Spekulationen gegeben. Darin kommt der heilige Gral, der Kelch in den das Blut des Lammes fließt, ebenso vor wie die Tempelritter. Denn angeblich deutet die Zahl 12, die auf der Festtagsseite des Genter Altars immer wieder vorkommt (12 Engel, 12 Tore des himmlischen Jerusalems, ein Zwölfeck, das sich aus der Verbindung aller Motive im Hauptbild ergibt) auf die Templerkirche „La Vera Cruz“ in Kastilien hin, die einen zwölfeckigen Grundriss aufweist. Solche Theorien mögen stimmen oder auch nicht - sie machen den Genter Altar für viele noch interessanter, als er es ohnehin schon ist.

Ein Altar - drei Orte

Geschlossener Genter Altar (c) KNA_Harald-Oppitz

Der erste Weg führt jeden, der den Genter Altar sucht in die St.-Bavo-Kathedrale im Herzen der Stadt Gent. Hier steht das Original des Flügelaltars. Der Blick auf eines der wertvollsten Kunstwerke des ausgehenden Mittelalters wird hier jedoch durch zwei Umstände beeinflusst. Zum einen schützt ein zentimeterdickes Panzerglas den Altar und zum anderen ist zurzeit mindestens immer eine der insgesamt 20 Tafeln ausgebaut. Eine schwarz-weiße Kopie deutet an, welches Bild hier eigentlich hängen sollte. Der Grund: Bis 2017 ist ein anderer Ort Heimat einzelner Stück des Genter Altars: das Museum für schöne Künste.

Aus blass wird strahlend

Hier können Besucher den gesamten Prozess des akribischen Prozesses seiner Restaurierung live mit verfolgen können. Auch hier durch eine Glasscheibe von den Restauratoren getrennt, aber manche Genter kommen regelmäßig hierhin, um zu sehen, wie beispielsweises Adam oder Eva Stück für Stück wieder zu alter Pracht finden. Und wer sich nach Vollendung der Restaurationsarbeiten Eva „vorher“ und „nachher“ ansieht, kann kaum glauben, dass die nun strahlenden, satten, bunten Farben 580 Jahre auf dem Buckel haben und vor kurzem noch völlig vergilbt und verblasst waren. Wer nun nicht bis 2017 und damit bis zur vollständigen Restaurierung warten will, kann sich auch jetzt schon ein Gesamtbild machen – im Genter Karmeliterkloster, dem dritten Ort der „Genter-Altar-Odyssee“. Hier steht eine 1:1 Kopie des aufgeklappten Altares - ohne Panzerglas - und lädt dazu ein, das Kunstwerk der van Eycks ganz aus der Nähe zu betrachten.

AdventsZeit 2016 (c) Heiko Wrusch

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