(c) Robert Boecker

Franz Meurer: „Damit Kirche eine Zukunft hat, muss sich einiges ändern“.

  • 11.01.22, 10:16
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Franz Meurer ist Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Theodor und St. Elisabeth in den Kölner Stadtteilen Vingst und Höhenberg. Martin Mölder hat den Träger des Verdienstordens des Landes Nordrhein-Westfalen und Alternativen Ehrenbürger der Stadt Köln getroffen.

 

Herr Meurer, Sie haben ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Viel geht, wenn Vertrauen geht“. Warum ist Ihnen dieser Satz so wichtig?

Das ist eines meiner Lieblings-T-Shirts und dieser Satz einer meiner Lieblingssätze, weil er stimmt: Vieles ist möglich, wenn Vertrauen da ist. Ich hab aber später auch kapiert, dass der Satz ja auch negativ gemeint sein kann im Sinne von: Viel geht auch verloren, wenn das Vertrauen weg ist.

Die Kirchenaustritte im vergangenen Jahr in Köln werden einen neuen Rekordwert erreichen, sagen Experten. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Zurzeit kreisen wir in der Wahrnehmung der Menschen zu 90 Prozent um uns selbst. Die haben den Eindruck, in dieser Kirche komme ich nicht vor. Der Soziologe Hartmut Rosa hat mal gesagt: Die Kirche hat das gleiche Problem wie die Politik. Die Menschen spüren keine Resonanz und fragen sich: Komme ich da überhaupt noch vor? Bin ich da erwünscht? Das ist sehr, sehr schlimm. Umso wichtiger ist, ihnen zu sagen: „Ich loss dich net em Riss“, auf Hochdeutsch: Ich lasse dich nicht allein, ich lasse dich nicht hängen. Und das Sich-Kümmern um andere passiert ja auch zum Glück nach wie vor in unserer Kirche. Papst Franziskus macht es uns vor, wenn er immer wieder selbst zu den Menschen an den sogenannten Rändern geht, zu denen, die die Gesellschaft oft vergessen hat.

Dennoch haben viele Gläubige ein großes Problem mit der Hierarchie in der katholischen Kirche und den daraus resultierenden Machtverhältnissen. Was sagen Sie denen?

Du kannst heute nichts mehr „von oben nach unten“ anordnen, das ist vorbei, sondern man muss um Verständnis werben. Das gilt für die Kirche genauso wie für jede Firma. Der Kabarettist Jürgen Becker erzählt doch immer, dass der Vater ihm auch mal eine gescheuert hat. Dann hat aber seine Mutter ihm gesagt: „Heinrich, das macht man heute nicht mehr.“ Und er hat geantwortet: „Ach so“, und dann hat er das nie mehr getan. Auch die Kirche muss ihr Verhalten ändern. Gegen Fremdbestimmung haben viele etwas – und zu Recht. Gegen Mitbestimmen hat keiner was. Wir brauchen mehr Demokratie.

Wie setzen Sie dieses Mitbestimmen, diese Demokratie bei Ihnen in der Gemeinde um?

Ich kann mich wunderbar raushalten. Das ist schon mal wichtig. Ich will und muss nicht alles wissen. Wer Verantwortung hat, entscheidet, und das muss eben nicht der Pfarrer sein. Kardinal Walter Kasper hat mal auf die Frage „Was ist die Kirche?“ gesagt: Keiner kann alles. Nicht jeder kann jedes. Alles können nur alle sein und die Einheit aller nur ein Ganzes. Das ist die Idee der katholischen Kirche. Da hat der Mann recht, und jeder kann zustimmen.

Also muss mehr Verantwortung von Priestern an Laien abgegeben werden?

Die muss nicht abgegeben werden, die Verantwortung, und schon gar nicht delegiert. Die Getauften der Kirche haben sie längst schon. Die sind das Volk. Die sind Priester, Propheten und Heilige. Sie haben die Würde qua Taufe, nicht qua Kirchensteuer.

Wie stehen Sie zu Forderungen, Frauen den Zugang zu Weiheämtern zu ermöglichen?

Es geht auf Dauer nicht, dass Frauen nicht in Ämter der Kirche kommen. Das wird kommen müssen, sonst ist die Kirche am Ende, weil das die Leute nicht verstehen. Dann sind wir irgendwann ’ne kleine Sekte. Wir brauchen Gleichberechtigung, und wir können uns an keiner Stelle in der Gemeinde etwas Klerikales erlauben. Das Ganze funktioniert ohne Frauen ja gar nicht. Wir haben hier acht Katechetinnen, die alles organisieren. Die haben eine Videokonferenz mit Weihbischof Steinhäuser organisiert. Da habe ich gefragt, ob ich teilnehmen darf, und zum Glück durfte ich. Sie hätten aber auch Nein sagen können, dann wäre das auch in Ordnung gewesen.

Was muss sich ändern?

Damit die Kirche eine Zukunft hat, müssen sich Dinge ändern, die für die Leute vor Ort längst klar sind. Völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau. Sexuelle Orientierungen spielen keine Rolle mehr, Generationengerechtigkeit muss gelebte Praxis werden. Das sind Themen, die unsere Leute bewegen, und wenn sich da nichts tut, sind die Menschen weg. Es ist einfach nicht kompliziert, zugleich ist es schwer und nicht leicht.

Wie sieht Ihre Vision für die katholische Kirche im Erzbistum im Jahr 2030 aus?

Im Jahr 2030 sind wir bescheidener geworden, aber nach wie vor rheinisch. Viele werden sich weiter beteiligen. Menschen treten wieder in die Kirche ein, weil sie spüren, dass es jetzt eine Chance zur Veränderung gibt. Es wird das, was geistlich ist, nicht nur Behauptung sein, sondern Realität.

AdventsZeit 2021 (c) Robert Boecker

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