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Frieden, Liebe, Freiheit

  • 14.01.18 17:17
  • Martin Mölder
  •   Kurz und Knapp

Wer einen Priester der Rastafari-Religion nach Haile Selassie I. fragt, darf sich nicht wundern, wenn der Gefragte glasige Augen bekommt und anfängt zu singen und zu beten. Denn der letzte Kaiser Äthiopiens ist der Gott der Rastafaris, oder genauer, der von Gott gesandte Messias. Und von ihm haben die Rastas, wie sie oft abgekürzt genannt werden, auch ihren Namen. Denn Haile Selassie I., was aus dem Amharischen übersetzt so viel heißt wie „Macht der Dreifaltigkeit“, wurde als Tafari Makonnen geboren. Diesem Namen wurde später der Titel „Ras hinzugefügt“, der ebenfalls aus der in Äthiopien gebräuchlichen amharischen Sprache stammt und dort übersetzt so viel bedeutet wie „Kopf“. Das Wort „Ras“ lässt sich aber auch als „König“ oder „Prinz“ interpretieren, auch weil es der höchste Titel am Äthiopischen Kaiserhof war. Deshalb also: Ras Tafari Makonnen. Die Rastafaris nennen ihn oft schlicht auch H.I.M. Das steht für: „His Imperial Majesty“. Haile Selassie gilt als 225. Nachfahre des Königs Salomo und der Königin von Saba.

Eine Bewegung wird zur Religion

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Als Haile Selassie I. 1966 Jamaika besuchte, empfingen ihn am Flughafen mehr Menschen als das beim Besuch Königin Elisabeths von England der Fall war. Rund 100.000 Rastafaris warteten trotz strömenden Regens auf ihren Erlöser. Nach der Landung seines Flugzeugs stieg jedoch der äthiopische Kaiser lange nicht aus seinem Flugzeug aus. Aus Angst – sagten die Kritiker der neuen Bewegung. Die Rastafaris selber  verbreiteten die Version, der „Messias“ sei infolge des überwältigenden Empfangs durch seine Anhänger vor Rührung in Tränen ausgebrochen und deshalb konnte „der Löwe von Juda“ erst nach längerer Zeit sein Flugzeug verlassen. Dieser Name führte auch zum Symbol der Rastafaris, dem Löwen.

Die Löwenmähne aus ungekämmten und ungeschnittenen Haaren, Dreadlocks oder Rasta-Locken genannt, sind äußeres Erkennungsmerkmal der Rastafaris. Die Dreadlocks sollen aber nicht nur die Mähne des Löwen, sondern auch seinen Charakter darstellen: wild, mächtig und stark.

Die Bibel und die Rastas

Die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament, die Bücher der äthiopischen Bibel und Teiles des Alten Testaments bilden für die gläubigen Rastafaris die spirituelle Grundlage ihres Glaubens. Mehr als vierzigmal ist – so interpretieren es die Rastafari - in der Bibel von Äthiopien und seinen Menschen die Rede. Besonders die anglikanische Bibel wird von vielen Rastafaris gelesen. Die katholische Kirche in England war auch 1982 diejenige, die die Rastafari-Religion offiziell anerkannt hat. In der Rastafari-Bewegung ist Babylon, die schon in der Bibel beschriebene Stadt im Zweistromland – ein Ausdruck für das herrschende „westliche“ Gesellschafts- und auch Kirchensystem, das als korrupt und unterdrückend wahrgenommen wird. Die Rastafari erkannten in der biblischen Geschichte vom babylonischen Exil der Israeliten Parallelen zur Verschleppung ihrer eigenen afrikanischen Vorfahren nach Amerika. Die Rastafari sind eine typische Heilserwartungsbewegung. Einige streben auch physisch eine Rückkehr ins gelobte Land, nach Afrika bzw. Äthiopien an. Die meisten Rastafari akzeptieren allerdings ihr Leben auf Jamaika oder anderen Ländern und reden von einer geistigen, spirituellen Rückkehr in die afrikanische Heimat. Alle aber leben in der Erwartung des Armageddon, des jüngsten Gerichts, das ihrer Meinung nach die Würdigen von den Unwürdigen, die Guten von den Bösen scheiden wird und das kann, so glauben die Rastafaris, jederzeit passieren.

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

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