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Geheimnisvolle Götter und Genies

  • 19.04.17 13:40
  • Martin Mölder
  •   Glaubensmagnete

Sie liegt gut eine Autostunde und rund 50 Kilometer nordöstlich von Mexiko-City und ähnlich wie die Millionenmetropole heute war auch Teotihuacán zu seiner Zeit eines der wichtigsten Machtzentren Amerikas. Zwischen 300 und 200 vor Christus begann der Bau der Stadt, in den Jahren 300 bis 600 nach Christus erlebte sie ihre Blütezeit. Um das Jahr 750 herum wurde sie fast vollständig niedergebrannt und verlassen. Der Grund ist bis heute nicht bekannt. Und erst 700 Jahre später wurden die Überreste der riesigen Stadt von den Azteken wieder entdeckt. Das ist die Geschichte von Teotihuacán im Zeitraffer. Die Azteken waren es dann auch, die ihr den Namen geben, weil sie beim Anblick der riesigen Anlage und vor allem ihrer Tempel und Pyramiden an höhere Mächte glaubten, die hier am Werk gewesen sein mussten.

Größer, breiter, höher

Eine 40 Meter breite, gerade Straße führt mitten durch die Ruinenstadt. Ihr Name: „Calzada de los Muertos“, die Straße der Toten. Die Azteken nannten sie deshalb so, weil sie die Bauwerke rechts und links davon zunächst für Königsgräber hielten. Erster Blickfang des UNESCO-Weltkulturerbes Teotihuacán ist die gewaltige Sonnenpyramide. Mit 63 Metern Höhe und einer Grundfläche von 225 x 225 Metern ist sie die drittgrößte Pyramide der Welt. Sie wurde in zwei Etappen errichtet. Nachdem im Jahr 100 der größte Teil der rund drei Millionen Tonnen Baumaterial zur Sonnenpyramide verarbeitet wurde, errichtete man im zweiten Schritt einen Altar auf der Plattform an der Spitze der Pyramide. Dieser heute nicht mehr erhaltene Altar diente der Verehrung einer Gottheit, vielleicht auch mehreren. Genau können das Historiker und Archäologen nicht mehr rekonstruieren. Dass in Teotihuacán bis ins 7. Jahrhundert hinein Götter angebetet wurden, gilt dagegen als sicher. Welche Geheimnisse aber nach wie vor in den Gängen und Höhlen der Sonnenpyramide schlummern, belegen jüngere Forschungen und Ausgrabungen.

Sportliche Herausforderung

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Wer heute als Tourist Teotihuacán besucht und die Sonnenpyramide besteigt, ist, oben angekommen, zwar meist richtig außer Puste, wird aber bei gutem Wetter mit einem tollen Ausblick auf die komplette Anlage und die Berge des Cerro-Gordo-Massivs reichlich für die Mühe belohnt.

Vor 1400 Jahren durften nur die Priester und Gelehrten auf die Spitze der Sonnenpyramide steigen, die damals mit Kalk verputzt und bunt, überwiegend jedoch rot angemalt war. Überhaupt waren viele Gebäude, vor allem die Tempel und Pyramiden von Teotihuacán kunstvoll mit Farbe gestaltet und verziert. Dort, wo die Sonne nicht hinkam, also im Inneren der Gebäude ist einiges der Malereien heute noch erhalten, auch im Komplex rund um die Mondpyramide, die die Stadt im Norden begrenzt. Nicht ganz so groß wie sie Sonnenpyramide sind ihre Maße 120 x 150 Meter (Grundfläche) und 46 Meter (Höhe) dennoch beeindruckend. Insgesamt acht Bauphasen hat die Mondpyramide bis ins Jahr 350 erlebt.

Obere 10.000

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Die städtebauliche Meisterleistung der Erbauer von Teotihuacán zeigt sich besonders beim Anblick der „Ciudadela“, einer Anlage, die wahrscheinlich nur der oberen Schicht vorbehalten war. Sie war umgeben von einer rund vierhundert Meter langen Mauer, die die Wohnanlage vor ungebetenen Gästen beschützte. In der Mitte der „Ciudadela“ stand der Tempel des „Quetzalcoatl“, des Gottes, der als „gefiederte Schlange“ dargestellt wird. Der Kopf dieser Schlange begegnet einem nicht nur in Teotihuacán, sondern auch in anderen Tempel- und Pyramidenanlagen Mexikos. „Pionierstadt der Architektur“ darf sich die Anlage in der Nähe von Mexiko-Stadt aber vor allem wegen ihrer Wohnviertel nennen, die lange bevor die Römer auf ähnliche Gedanken kamen, bereits schachbrettartig und streng symmetrisch angelegt waren. In der Blütezeit Teotihuacáns sollen es rund 2200 „Compounds“ gewesen sein, in denen ein Großteil der 200.000 Menschen wohnte. Ein Rätsel bleibt, warum diese mächtige Stadt verlassen wurde. Wer Teotihuacán heute besucht, kann schnell nachvollziehen, dass die Azteken, die diese Anlage im dichten Regenwald entdeckten, an höhere Mächte glaubten, die hier am Werk gewesen sein mussten. Oder eben „Menschen, die zu Göttern wurden“.

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