(c) Robert Boecker

Generationenprojekt: Zeitlose Gefühle

  • 09.08.18 14:08
  • Michaela Szillat
  •   Im Auftrag des Herrn

Eigentlich wollten die Mädchen etwas über unsere erste Liebe wissen“, berichtet der ältere Herr mit dem jugendlich um die Schultern gelegten roten Pullover schmunzelnd.  Horst Mazura sieht man sein fortgeschrittenes Alter nicht an. Seit 2011 lebt er im Altenzentrum Haus am Redoutenpark im Bonner Stadtteil Bad Godesberg. „Jeder von uns sollte berichten, wie das so war mit der ersten Liebe“, beschreibt Mazura seine erste Begegnung mit den Schülerinnen des benachbarten Aloisiuskolleg. Die Idee zu diesem Austausch zwischen den Generationen entstand im Rahmen eines Literaturkurses. „Ziel des Projektes war es, mit älteren Menschen ins Gespräch zu kommen und deren Erinnerungen an ein ganz entscheidendes Erlebnis in ihrem Leben schriftlich festzuhalten, nämlich die erste Liebe“, erklärt Vera Jansen, pädagogische Mitarbeiterin am Kolleg. Entstanden ist daraus ein kleines Heftchen mit liebevoll gestalteten Seiten, Fotos und Erinnerungen.

Austausch der Generationen

Rund zehn Damen und Herren erklärten sich bereit, bei dem Literaturprojekt mitzumachen und sich gemeinsam mit den Internatsschülerinnen auf eine Reise in die Vergangenheit zu begeben. „Einiges war für uns völlig neu. Aber in den wesentlichen Dingen war es früher nicht anders als heute. Verliebtsein – glücklich oder unglücklich – ist wohl keine Frage der Generation“, so die 17-jährige Beatrice. „Als Internatsschülerinnen sind wir ja die meiste Zeit mit Gleichaltrigen zusammen. Der Austausch mit älteren Menschen findet eher selten statt. Da freut man sich über den ein oder anderen großelterlichen Rat.“ Mittlerweile hat sich aus dem Literaturprojekt ein regelmäßiger Austausch der Generationen entwickelt. Geschichtentausch nennen die Schüler ihr Projekt, 2016 wurde es mit dem Elisabethpreis der CaritasStiftung im Erzbistum Köln ausgezeichnet. Seit über sechs Jahren treffen sich die Jungen und die Alten zum gemeinsamen Kaffeetrinken und Kuchen- essen. Abwechselnd im Altenzentrum oder im Internat, bei schönem Wetter auch gerne im Garten. Ein angeregtes Plaudern bestimmt die Atmosphäre. Keine Berührungsängste, kaum ein Atemholen zwischendurch. Man kennt sich und freut sich aufeinander.

Modeberatung inklusive

Dieser Austausch nimmt manchmal auch ganz konkrete Formen an. Christa Krechen, 88 Jahre alt und leidenschaftliche Tänzerin, bereitet sich gerade auf den jährlich stattfindenden Seniorenball im Tanzhaus Bonn vor. Bei der Ideen-Suche nach einem passenden Outfit wird sie bei einer ihrer Gesprächspartnerinnen fündig. Leidenschaftlich diskutieren die beiden Tanzbegeisterten über Vor- und Nachteil von hohen Absätzen und schwungvollen Rocksäumen. „Für unsere Bewohnerinnen und Bewohner sind die regelmäßigen Treffen eine willkommene Abwechslung“, so Cornelia Nicolaus, die den Sozialen Dienst der Einrichtung leitet und die zusammen mit Vera Jansen das Projekt von Beginn an unterstützt hat. „Früher lebten die Generationen ja dichter beieinander. Heute ist der Kontakt zu älteren Menschen etwas ganz Besonderes und jedes Gespräch ein Schatz an Erfahrungen, aus dem die Jugendlichen viel für ihr eigenes Leben schöpfen können“, schwärmt Nicolaus. „Die Mädchen hören uns zu. Wir müssen aber auch lernen, den jungen Menschen zuzuhören. Nicht nur wir haben etwas zu erzählen. Auch die Jugend hat ein Recht, gehört zu werden“, ergänzt Horst Mazura und widmet sich wieder ganz dem Gespräch mit seiner Tischnachbarin.

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

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