(c) Lars Schäfers

Gerechtigkeit schaffen

  • 29.05.18 21:10
  • Lars Schäfers
  •   Im Auftrag des Herrn

Es ist Montagabend, Berufsverkehrszeit. Ein Auto nach dem anderen rauscht dem alten Mann an der Nase vorbei. Seine Arme klammern sich straff, wenn auch leicht zitternd an den Griffen seines Rollators. Nur ein weißer Streifen trennt ihn von der Fahrbahn. Immer mal wieder verschwindet dieser kurzzeitig unter Autoreifen, wenn ein Fahrzeug aus der Bahn rutscht. „Man hat Angst hier mit Rollator entlang zu gehen“. Er hat jedoch keine andere Wahl, denn sein Seniorenheim liegt direkt an dieser Straße. „Eigentlich ist hier Tempo 30, aber die meisten fahren schneller.“ Ich bin über 65 Jahre jünger als er und habe als Student eine ganz andere Lebenswelt. Trotzdem ist mir sein Anliegen jetzt wichtig, denn es ist mein Auftrag. Bald ist die Lösung klar: Ein Geschwindigkeitsdisplay muss her. Es würde die Achtsamkeit der Verkehrsteilnehmer auf der Höhe des Seniorenheims fördern. Angeschafft wurde es von der Bezirksvertretung, der ich angehörte. In diesem Gremium geht es im wahrsten Sinne des Wortes um Politik direkt vor der Haustür: um den Bürgersteig, die Müllentsorgung, um Verkehr und Ampeln oder das Freizeitbad nebenan. Bezirksvertretungen gibt es in NRW in allen kreisfreien Großstädten. Die von den Bürgern gewählten ehrenamtlichen Mitglieder sind direkte Ansprechpartner vor Ort.

Jung, engagiert und gläubig

„Suchet der Stadt Bestes“ (Jer 29,7), nahm ich mir vor dem Hintergrund meines Glaubens vor, als ich mein kommunales Engagement startete. Als damals dreiundzwanzigjähriger Student war ich das jüngste Mitglied der Bezirksvertretung meines Heimatbezirks. Es ist der, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Der Neunzigjährige aus dem örtlichen Altenheim, der sich über zu schnell fahrende Autos vor seiner Tür beklagt oder die Mutter, die sich für den Bau einer neuen Schulturnhalle einsetzt – mit diesen und vielen weiteren Menschen und ihren Anliegen hatte ich fortan zu tun. „Wer im Kleinsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Kleinsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht“ (Lk 16,10) – diesen Ausspruch Jesu habe ich mir damals zum Leitmotiv gewählt. Es ging mir in vielen Angelegenheiten darum, gerechte Kompromisse in den vielen kleinen Fragen zu finden, die die Menschen beschäftigen. Das Geschwindigkeitsdisplay war ein solcher Kompromiss. Der Bau eines richtigen Bürgersteigs war nämlich baurechtlich nicht möglich. Es konnte aber auch nicht alles so bleiben, denn viele der Heimbewohner wünschten sich mehr Sicherheit auf dem schmalen Fußgängerweg. Nicht immer war ein Kompromiss leicht zu finden. Es allen Beteiligten recht machen konnte man selten. Geschimpft wird viel, nicht nur über die große Politik, sondern auch im Lokalen. Trotzdem war es für mich ein sinnstiftendes Engagement, bei dem ich viel gelernt habe. Inzwischen bin ich 30, wohne längst woanders, habe mein Studium längst beendet und kurz danach auch mein kommunalpolitisches Engagement in meiner Geburtsstadt. Geblieben sind die Erinnerungen. Geblieben ist auch die Haltung, die ich mir damals angeeignet habe: im Kleinen treu sein im Sinne Jesu. Das versuche ich noch immer. Kommunalpolitisches Engagement auf lokalster Ebene ist hierfür ein guter Lernort – auch und dem ersten Anschein zum Trotz vielleicht gerade auch für junge Menschen. So wie für mich, damals.

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der SommerZeit 2018.

Zur SommerZeit 2018 »