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Glockengießen: Lehm, Bronze und Pferdemist

  • 09.09.21, 12:37
  • Martin Mölder
  •   Im Auftrag des Herrn

Wer auf der A1 von Köln nach Trier fährt, kommt an einem kleinen beschaulichen Dorf in der Vulkaneifel vorbei, das mit seinen rund 200 Einwohnern nun wahrlich nicht zu den bedeutendsten Orten der Eifel gehört. Wäre da nicht im kleinen Brockscheid eine der berühmtesten Glockengießereien Deutschlands - seit 1620 im Besitz der Familie Mark. Damals gab es noch keine feste Werkstatt der Eifeler Glockengießerei, wie sie heute heißt, sondern die Glockengießer zogen von Dorf zu Dorf, um direkt an Ort und Stelle Glocken gießen zu können. Heute werden nicht nur Gotteshäuser von Julius Maas und seiner Mutter Cornelia Mark-Maas, der einzigen Glockengießermeisterin Deutschlands, mit neuen Glocken versorgt. Das Repertoire reicht von kleinen Glöckchen aus Messing und Bronze, allen Arten von Bronzekunstguss über Ofenplatten aus Bronze und Eisen hin bis zu Kunstgussartikeln. Und für mittlere und große Kirchenglocken stellt die Brockscheider Glockengießerei sogar Glockenstühle aus Holz und Stahl her. Außerdem installieren, reparieren und restaurieren sie Turmuhren- und Glockenanlagen.

Ein langer Prozess

„Festgemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt“. So wie Friedrich Schiller in seinem Gedicht „Das Lied von der Glocke“ die Herstellung einer Glocke als eine Reihe vieler verschiedener Arbeitsschritte beschrieb, ist es in Brockscheid auch heute noch. Die Vielseitigkeit seiner Arbeit fasziniert Juniorchef Julius Maas, der von einem elfköpfigen Team unterstützt wird. „Ich bin hier Maurer, Verputzer, Zimmermann und Schmied“, schwärmt er von seinem Beruf, „und es wird nie langweilig“. Zu Beginn steht der Entwurf der Form. Mit Hilfe einer Schablone, deren Profil die Glockengießer vorher auf ein Buchenbrett zeichnen, wird die Form so genau entworfen und berechnet, dass Julius Maas schon vor dem Guss sagen kann, wie groß und schwer die Glocke wird und vor allem welchen Ton sie bekommt. Wie genau er macht verrät der Juniorchef nicht. Das ist nach wie vor ein streng gehütetes Familiengeheimnis. Kein Geheimnis ist, dass die Form selbst seit Jahrhunderten in Brockscheid ausschließlich aus Ziegelsteinen und Lehm vermischt mit Pferdemist und Rinderhaaren hergestellt wird. Diese Zusätze festigen den Lehm und verhindern eine mögliche Rissbildung, wenn der Lehm trocknet. Jeder noch so kleine Haarriss kann beim Erhitzen zum Bersten der Form führen. Der erste Formteil nennt sich „Glockenkern“. Er entspricht exakt dem Inneren der zu gießenden Glocke. Zunächst wird er von Julius Maas grob aus Ziegelsteinen aufgemauert. Danach trägt er mehrere Lehmschichten auf, die der erfahrene Glockengießer dann mit der Schablone abzieht.

Die Bedeutung der „falschen Glocke“

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Nächster Arbeitsschritt auf dem Weg zu echten Glocke: Das Formen der „Falschen Glocke” oder auch „Modellglocke“. Sie entspricht in Umfang und Aussehen genau der späteren, noch zu gießenden Bronzeglocke. Auf sie werden bereits Verzierungen, Wappen oder Inschriften in Wachs aufgetragen. Das Wachs schmilzt, wenn die Form erhitzt wird, hat sich aber vorher als Negativ abgedrückt. Vor der Herstellung des Mantels streicht der Glockengießer zunächst einen feinen, dann immer gröberen Lehm auf die falsche Glocke, sodass sich die Zier im Mantel abdrücken kann.

Wenn er fertiggestellt ist, wird die Form gebrannt, danach nimmt Glockengießer Maas den Mantel ab und zerschlägt die „falsche Glocke“. Im  Hohlraum zwischen Kern und Mantel entsteht dann beim Guss die „echte“ Glocke.

Jedes Mal nervös

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Wenn der große Tag gekommen ist, steigt auch bei Julius Maas jedes Mal die Anspannung. Bereits morgens in aller Frühe wird der Schmelzofen angefeuert, damit die sogenannte Glockenspeise, die aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn besteht, schmilzt. Hat die Bronze eine Temperatur von zirka 1100 Grad Celsius erreicht, kann der Guss beginnen. Wenn die rot glühende Glockenspeise aus dem Ofen fließt und langsam in Kanälen in die Form läuft, ist das auch für erfahrene Glockengießer ein aufregender Moment.

Die gegossenen Glocken müssen in der ausgehobenen Glockengrube einige Tage auskühlen, bis sie aus ihrem Mantel befreit werden können. Danach atmet Julius Maas erleichtert auf und prüft dann mit der Stimmgabel, ob der Guss gelungen ist und die Glocke wie gewünscht erklingt. Der Lohn seiner Arbeit: „Wir schaffen etwas für die Ewigkeit“, strahlt Julius Maas, „das ist ein tolles Gefühl.“

Podcast "In der Glockengießerei"

Eine Kirche ohne Glocken? Unvorstellbar. Dennoch gibt es gerade mal eine Handvoll Glockengießereien in Deutschland. Die Kunst des Glockengusses wird in Brockscheid seit fast 400 Jahren ausgeübt. Reporter Martin Mölder hat einen Tag mit den Kindern Leni, Lenz und Luis in der Glockengießerei in Brockscheid verbracht und zuerst etwas ganz anderes wahrgenommen als bronzene Glocken.
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