(c) Martin Mölder

„Gott gibt mir die Kraft, die ich brauche“

  • 28.10.19 16:31
  • Martin Mölder
  •   Kurz und Knapp

Heute fahren wir zu Schwester Juditha nach Veliopje“, sagen meine Frau und ich fast zeitgleich am Frühstückstisch unserer Wohnung in Albanien. So oft schon hatten wir uns einen Besuch in dem Haus der Gemeinschaft der Franziskanerinnen „Maria von den heiligen Engeln“ vorgenommen und viel über die Arbeit der deutschen Ordensschwester gehört. Eine Stunde später empfängt uns an der Pforte eines großen, freundlichen Hauses eine ältere Frau in grauem Habit und begrüßt uns in perfektem albanisch mit einem freundlichen „Mir dite“, übersetzt „Guten Tag“. Schwester Juditha M. Heidel ist 73 Jahre alt. Mit 48 Jahren kam sie hierher, nach Albanien. In ein Land, dessen Menschen nach Ende des Kommunismus in bitterer Armut lebten. Deshalb rief damals Papst Johannes Paul II. Ordensbrüder- und schwestern auf, nach Albanien zu gehen, weil sie dort gebraucht würden. Diesen Aufruf, nicht mehr als drei Zeilen, fand Schwester Juditha in ihrer Heimat Dillingen in der Kirchenzeitung des Bistums Augsburg.  Sie fühlte sich sofort angesprochen. „Diese Bitte des Heiligen Vaters meinte mich, mich ganz persönlich“, ist sie bis heute überzeugt und kurz danach ging sie mit einer anderen Ordensschwester in „das Land der Adlersöhne“, wie die Albaner selbst stolz ihr Land nennen.

Brückenbauerin

Die beiden Frauen kamen in Velipoje an, einem kleinen Ort direkt am Meer, erkannten die Armut und begannen zunächst eine Bäckerei zu bauen. Die dort von Ihnen gebackenen Brote verteilten sie an die Menschen. „So hat alles begonnen“, erinnert sich Schwester Juditha, „es ist schon schön zu sehen, was daraus geworden ist“. In der Tat. Mittlerweile stehen hier, wo vor 25 Jahren nur Feld und Wiesen waren, eine Schule und zwei Kindergärten. In der Schule werden über 100 Kinder von der ersten bis fünften Klasse unterrichtet, in die Kindergärten gehen insgesamt 110 Kinder. Außerdem leben bis zu sieben Kinder dauerhaft bei Schwester Juditha und ihren mittlerweile sechs Mitschwestern, alles Albanerinnen, die zum Teil gut deutsch sprechen. „Ich habe mich immer als Brückenbauerin verstanden, sowohl für die Menschen hier, aber auch für meine Mit-Schwestern, auch damit sie den Weg in eine gute, in eine bessere Zukunft finden“, sagt Schwester Juditha während wir durch den großzügig und wunderbar angelegten Garten des Wohnhauses der Schwestern gehen. Fast alles, Baumaterialien, Möbel, sogar die Toiletten kamen aus Deutschland. Möglich gemacht haben das viele Freunde, Pfarrer und auch Geschäftsleute, die Schwester Juditha gewinnen konnte. Mittlerweile gibt es auch einen Verein der Freunde und Förderer von Velipoje in Albanien und die Jürgen-Wahn-Stiftung in Soest unterstützt ebenfalls die engagierten Ordensfrauen.

Kreativität gefragt

 (c) Martin Mölder

Die vielen notwendigen Materialien nach Albanien zu schaffen war nicht immer leicht, erzählt Schwester Juditha. „Da mussten wir auch den Zoll und die Behörden hier in Albanien betreffend schon manchmal etwas erfinderisch und sagen wir mal kreativ sein“, schmunzelt die 73-Jährige, während wir bei Birnen und Trauben aus dem eigenen Garten im Essensraum der Schwestern sitzen.

Währenddessen kommt eine junge Frau herein, fällt Schwester Juditha um den Hals und küsst sie. Wir erfahren danach, dass diese junge Frau Denisa heißt, aus schwierigen Verhältnissen hierhin kam, als Kind hier bei den Schwestern gelebt hat und sich nun frisch verlobt und eine gute Zukunft vor sich hat. Das hat Denisa vor allem Schwester Juditha zu verdanken. Bei der Stärkung der Kinder und Jugendlichen, spielt neben Wohnraum, Verpflegung und Bildung auch Gott eine zentrale Rolle. „Wir wollen den Kindern und Jugendlichen auch den Glauben an Gott vermitteln und den Wert, den das für sie und ihr Leben haben kann. Sie sollen merken, dass Gott Ihnen Halt gibt. Das ist und sehr wichtig.“

Bildung ist das A und O

25 Jahre nach ihrer Ankunft in Albanien hat sich vieles verändert. Obwohl Albanien nach wie vor zu den ärmsten Ländern Europas gehört, liegt der Schwerpunkt der Schwestern von Velipoje schon lange nicht mehr darin, Lebensmittel und Kleider zu verteilen, sondern vor allem in der Bildung. Aber Soforthilfe für Bedürftige, wie Medikamente, finanzielle Hilfen bei Krankenhausaufenthalten oder auch Unterstützung bei der Suche nach Wohnungen oder Renovierung alter, baufälliger Häuser, leisten die Schwestern um Juditha weiterhin. „Wir haben hier einen ganzheitlichen Ansatz:  Wir nehmen die Menschen so wie sie sind. Mit ihren Problemen, mit ihren Ecken und Kanten. Das ist wichtig. Erst dann kann man durch Gespräche und durch das konkrete Miteinander ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufbauen.“ Schwester Juditha hat ihren Platz gefunden. „Ich erlebe eine große Dankbarkeit der Albaner. Sie freuen sich, dass wir da sind. Die Kinder freuen sich, von ganzem Herzen, wenn wir da sind und umarmen uns und sie sind traurig, wenn ich mal nach Deutschland fahre. Ich fühle mich wohl hier und wenn ich sehe, dass es auch meinen Schwestern gut geht, dass die Kinder und Jugendlichen gerne kommen – was gibt es Schöneres?“

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