Susanne Molitor-Wieninger mit einem Jakobs-Pilger (c) Robert Boecker

Herbergsmutter auf dem Jakobsweg

  • 17.06.16 12:40
  • Susanne Molitor-Wieninger
  •   Im Auftrag des Herrn

Über die Deutsche Jakobusgesellschaft wurden die Interessenten an einem intensiven Vorbereitungswochenende auf den Einsatz als Hospitalera vorbereitet. Zu den Aufgaben als Herbergsmutter gehört das Organisieren der Schlafplätze, das Putzen der „Albergue“, das Zubereiten des Frühstücks und natürlich die Betreuung der Gäste, die meist erschöpft, verstaubt und mit Blasen an den Füßen eintreffen. Nach der Begrüßung erhalten die Ankömmlinge ein Nachtquartier zugewiesen, das von Herberge zu Herberge unterschiedlich „luxuriös“ ausfällt. In manchen Häusern gibt es Mehrbettzimmer, meist jedoch größere Schlafsäle oder einfache Matratzenlager, die auf dem Boden ausgebreitet werden. In den meisten Herbergen verpflegen sich die Pilger selbst, aber in der gemütlichen Herberge von Grañon gab es eine kleine Küche, und wer mochte, konnte am gemeinsamen Abendessen teilnehmen.

Esel mit Ausweis

Susanne und Esel Santiago (c) Robert Boecker

Nachdem die Pilger morgens das Haus verlassen haben und die Herberge für die neuen Gäste vorbereitet ist, bleibt ein wenig Zeit, mit den Bewohnern des Dorfes einen Kaffee zu trinken und sich auszuruhen. Schon ab Mittag treffen die ersten Pilger ein, die ich jeden Tag mit Spannung erwartete. In der Winter- und Frühjahrszeit ist die Anzahl der Gäste noch recht überschaubar, während man in den Sommermonaten in den großen Herbergen mit mehr als 100 Pilgern pro Nacht rechnen muss. Das Zusammentreffen von zehn Nationen an einem Tag ist keine Seltenheit und es ergibt sich manches Mal ein babylonisches Sprachgewirr, sodass einem beim Zubettgehen oft der Kopf raucht. Ein ganz besonders lustiger Geselle war „Santiago“, ein süßer Esel, der mit eigenem Pilgerausweis ausgestattet war und als Lastentier von zwei Spaniern mitgeführt wurde. Da er unmöglich im Haus schlafen konnte, brachten wir ihn kurzerhand auf dem Dorfschulhof unter. Später habe ich erfahren, dass er tatsächlich eine „Compostela“, also eine Pilgerurkunde, erhalten hat.

Abenteuer mit Glaube

Oft bin ich gefragt worden, ob es bei all der Popularität, die der Jakobsweg inzwischen erlangt hat, auch noch den „echten Pilger“ gibt, der sich aus christlichen Gründen auf den Weg nach Santiago begibt. Tatsächlich sind die Beweggründe, sich mehrere Wochen lang nur mit dem Nötigsten auf den Weg zu machen, sehr unterschiedlich und nicht immer religiöser Art. Viele Menschen suchen Ruhe und Abstand von ihrem alltäglichen Leben. Nicht wenige haben ein Schicksal zu bewältigen, einen Verlust oder eine Krankheit. Andere lockt das Abenteuer und die Gemeinschaft. Unabhängig von Religiosität und Nationalität nehmen viele Pilger gern an den abendlichen Andachten und Gebeten teil, die in vielen Herbergen angeboten werden. Ein junger Mann, der in Köln losgegangen war, sagte im Gespräch einmal: „Zu Beginn war ich Abenteurer und Wanderer, aber je länger ich auf dem Weg bin und je näher ich nach Santiago komme, desto mehr werde ich zum Pilger.“

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AdventsZeit 2016 (c) Heiko Wrusch

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