(c) Robert Boecker

Historisches Archiv: das kilometerlange Gedächtnis

  • 22.03.22, 15:03
  • Robert Boecker
  •   Kultur und Kirche

Der 31. Dezember 1946 ist ein bitterkalter Wintertag. Köln ist weitgehend zerstört. Die Menschen leiden. Nahrung und Brennstoffe sind knapp. In dieser Situation hält der Kölner Erzbischof Kardinal Josef Frings in der Kirche St. Engelbert im Stadtteil Riehl eine Predigt, die in die Geschichtsbücher eingehen wird: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann“, sagt der Kardinal und trägt damit zu einer neuen Wortschöpfung bei, die als „fringsen“ Eingang in den Sprachschatz findet. Im vierten Untergeschoss des Historischen Archivs des Erzbistums in der Kölner Gereonstraße holt Dr. Joachim Oepen aus einem Regal einen grauen Karton mit der Signatur CR II 2.18g,1 heraus. Der stellvertretende Leiter des Archivs öffnet ihn und entnimmt vorsichtig ein Manuskript. „Dies ist das Original der berühmten Silvesterpredigt“, sagt der Historiker und Archivar. Auffällig sind die vielen Korrekturen und Ergänzungen. Insbesondere die Passage, die das „Fringsen“ legitimiert, hat Frings wohl im Bewusstsein der Folgen seiner Aussagen mehrfach verändert. „Dies ist eine sehr wichtige Quelle für die unmittelbare Nachkriegsgeschichte. Die Stimme von Frings wurde in ganz Deutschland gehört, und seine Predigt verbreitete sich in Windeseile“, betont Oepen, während er das Schriftstück in den Karton zurücklegt und diesen an seinen Platz im Regal schiebt.

Dokumente für die Nachwelt erhalten

 (c) Robert Boecker

Das Original der „Frings-Predigt“ ist nur eines von Hunderttausenden Dokumenten, die in den mehr als 15 Regalkilometern lagern, die in dem 2006 durch einen Anbau erweiterten Archiv darauf warten, gefüllt zu werden. „Mindestens mehrere Jahrzehnte sollte der zur Verfügung stehende Raum ausreichen, um Jahr für Jahr das Gedächtnis des Erzbistums Köln zu erweitern“, sagt Archivdirektor Dr. Ulrich Helbach.

2021 sind es genau 100 Jahre, dass der damalige Erzbischof Schulte das Archiv begründete. Freute sich der erste Archivdirektor noch über die jährliche Erweiterung der Bestände, so ist 100 Jahre nach der Gründung genau diese eine große Herausforderung für Helbach und sein engagiertes Team. „Es sind nicht nur die vielen Tausend Akten aus der kirchlichen Verwaltung im Generalvikariat, die Jahr für Jahr zu uns kommen. Auch für andere kirchliche Institutionen, die auf dem Gebiet des Erzbistums Köln beheimatet sind, archivieren wir die Akten. Die deutsche Bischofskonferenz oder vielleicht bald das Zentralkomitee der deutschen Katholiken mit Sitz in Bonn sind dafür nur zwei Beispiele“, hebt Helbach die weit über das Erzbistum hinausgehende Bedeutung des Archivs hervor.

Service in Zukunft digitaler

Es sind aber nicht nur Akten aus kirchlichen Institutionen, die die Regal-meter füllen. Viele Künstler haben dem Haus ihre Nachlässe vermacht. Die Fotosammlung des Archivs geht in die Zehntausende, zum Teil bestehend aus Aufnahmen aus der Frühzeit der Fotografie. Das Haus hat unter der Leitung von Professor Toni Diederich, der 1979 als erster Laie die Leitung übernahm, eine Sammlung von Siegelabdrücken aufgebaut. Die mehr als 35.000 Exponate werden in Zusammenarbeit mit externen Wissenschaftlern aufgearbeitet, um sie dann online nutzen zu können. Auch die Fotosammlung wird mithilfe von außen im Internet zugänglich gemacht. Gleiches gilt für viele Urkunden, die inzwischen digitalisiert sind. Es ist noch nicht lange her, da saßen Familienforscher, Wissenschaftler und andere Interessierte im Lesesaal des Archivs vertieft in das Studium der vor sich aufgetürmten Kirchenbücher oder sonstiger Originaldokumente. „Diese Zeiten sind nicht nur wegen Corona weitgehend vorbei“, sagt Oepen. Alle zurzeit 2145 im Archiv vorhandenen Kirchenbücher – für Ahnenforscher einzigartige Quellen – sind digitalisiert und sollen sehr bald übers Internet benutzbar sein. Die Digitalisierung vereinfache nicht nur die Nutzungsmöglichkeiten, sie trage auch zur Schonung der Archivalien bei.

SommerZeit 2022 (c) Robert Boecker

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