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Hoffnung im Dunkel

  • 17.05.17 20:57
  • Siegbert Klein
  •   Im Auftrag des Herrn

Doktor George Juha ist müde. Seit mehr als zwölf Stunden kämpft er um das Leben der kleinen Ghazal aus Gaza. „Es ist nicht hoffnungslos, aber ihre Chancen stehen sehr schlecht“, erklärt das Team im Caritas Baby Hospital (CBH) in Bethlehem. Ghazal ist kein Opfer des jüngsten Gaza-Kriegs. Das Mädchen ist vor drei Tagen per Kaiserschnitt in einem Krankenhaus in Gaza zur Welt gekommen und während der 72-stündigen Feuerpause nach Betlehem verlegt worden. Nach einer ersten Diagnose leidet Ghazal an einer lebensbedrohlichen Fehlbildung ihrer Knochen. Das Caritas Baby Hospital in Betlehem ist das einzige auf Kinder spezialisierte Krankenhaus im Palästinensergebiet und Anlaufstelle für die vom Krieg zermürbten Familien. An dem symbolträchtigen Ort, an dem das eine Kind einst keine Herberge fand, sollen Kinder egal welcher Religionszugehörigkeit eine offene Tür finden.

Bethlehem hilft Gaza

„Dass wir Ghazal bei uns behandeln können, ist von großer Bedeutung für uns“, erklärt Issa Bandak, der geschäftsführende Direktor des CBH. Das Krankenhaus, sagt Bandak, „ist für alle Kinder im Heiligen Land da, und Gaza ist Teil des Heiligen Landes und Palästinas“. Ursprünglich war es normal für die Ärzte in Betlehem, Kinder aus Gaza zu behandeln, aber seit der zweiten Intifada und der israelischen Blockade des Gazastreifens erhalten nur noch selten Patienten eine Ausreisegenehmigung. Genaugenommen, sagt Bandak, sei Ghazal die zweite Patientin aus Gaza „seit Jahren“. Dass Ghazal in Betlehem behandelt werden kann, verdankt sie der Initiative des Krankenhauses. Man versteht sich als nationale Institution und fühlt sich verpflichtet, Gaza als Teil Palästinas zu helfen. Zudem, betont Bandak, sind die Krankenhäuser in Gaza wegen der zerstörten Infrastruktur nicht voll funktionsfähig und völlig überfüllt. Chirurgische Fälle wie Kriegsverletzte kann das CBH nicht behandeln. Durch die Übernahme anderer medizinischer Fälle könne man aber die Spitäler entlasten, die mit den Kriegsverletzten überlastet seien. „Ghazal wurde in Gaza künstlich beatmet. Dadurch, dass wir sie jetzt hier behandeln, ist in Gaza ein Beatmungsgerät frei geworden”, sagt Doktor Juha.

Großvater atmet durch

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„Es ist eine symbolische Unterstützung, wir hoffen aber, dass wir weitere Kinder aus Gaza behandeln können“, sagt Issa Bandak. Für Ghazals Großvater Abu Mohammed ist diese Hilfe alles andere als symbolisch. „Wir haben mehr Glück als andere Menschen in Gaza“, sagt er. Israels Ausreisegenehmigung für Ghazal und ihn sei politisch motiviert, „um zu zeigen, dass sie Hilfe zulassen“. Für Abu Mohammed ist das jetzt zweitrangig. Was zählt, ist, dass alles versucht wird, um das Leben von Ghazal zu retten.

Für den Großvater ist der Aufenthalt in Betlehem eine Atempause vom schwierigen Leben im Gazastreifen. „Ich fühle mich wie in einem anderen Land. Es gibt Strom hier, Wasser, ich kann mich frei bewegen. Hier, weit weg von dem Krieg, kann ich wenigstens schlafen.“ Er ist auch weit weg von der Familie, mit der er versucht, in ständigem Kontakt zu bleiben. Es belastet ihn, dass Ghazals Mutter nicht ausreisen durfte, um bei ihrer kranken Tochter zu sein.

Für kleine Patienten im Heiligen Land

Das Caritas Baby Hospital (CBH) in Betlehem ist ein Gesundheits-, Sozial- und Ausbildungszentrum in den autonomen Palästinensergebieten. Es wurde 1952 vom schweizerischen Salettinerpater Ernst Schnydrig mit 14 Betten gegründet. Es wollte Kinder, die in den gewaltsamen Auseinandersetzungen des Nahost-Konflikts verletzt wurden, ärztlich versorgen. Im Laufe der Jahre wurde das einzige Kinderkrankenhaus ausgebaut. Heute hat die Klinik 90 Betten, davon über zehn für eine Intensivversorgung. Im letzten Jahr wurden 3.6500 kleine Patienten behandelt, so viele wie noch nie in der über 60-jährigen Geschichte. Zu den häufigsten Diagnosen zählen heute Krankheiten, die im direkten Zusammenhang zu Armut und schlechter Ernährung stehen und weniger durch Gewalteinwirkungen von Terror und Krieg. Das CBH wird maßgeblich von der Kindernothilfe Bethlehem unterstützt, einen Zusammenschluss von Katholiken aus Deutschland und der Schweiz.

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