(c) Robert Boecker

Horst Lichter: ein Mann mit Werten

  • 21.04.20, 15:24
  • Birgitt Schippers
  •   Nachgefragt

Horst Lichter moderiert mit großem Erfolg die ZDF-Sendung „Bares für Rares“. Als Kind armer Eltern hat er schon früh gelernt, die Familie und kleine Kostbarkeiten im Leben wertzuschätzen. Birgitt Schippers hat mit dem Koch und begeisterten Auto-Fan in der „Motorworld“ von Köln-Ossendorf gesprochen, einer seiner Lieblingsorte in Köln.

Welchen Wert haben für dich schnelle Autos?

Ich bin aufgewachsen in einer Welt, da waren Autos etwas Besonderes. Da haben die Menschen mindestens zehn Jahre auf ein neues Auto gespart. Die Nachbarn haben ihnen ihr neues tolles Auto gegönnt, weil sie dafür lange gearbeitet haben. Es gab viel weniger Neid und Missgunst als heute. Heute schließen die Menschen Leasing-Verträge ab und fahren große, schnelle Autos, die sie sich eigentlich nicht leisten können. Ich glaube, die Menschen werden ungeduldiger und haben kein realistisches Maß für ihre Wünsche. Sie wollen schneller, höher, weiter, erfolgreicher sein und sind mit weniger nicht mehr zufrieden.

Was bedeutet es für dich, mit Menschen an einem Tisch zu sitzen?

Der Tisch ist für mich die Achse, um die sich das Leben dreht. Am Tisch wurden früher die Geschichten erzählt, die für das gemeinsame Leben und Überleben wichtig waren. Dort hat man gelacht und geweint. In meiner Kindheit haben wir am Familientisch alle Mahlzeiten miteinander eingenommen. Auch große Ereignisse wie Taufe, Hochzeit oder Beerdigung feiern wir zusammen mit einem Festmahl am Tisch. Und wer verliebt ist und mit dem Mädchen ausgehen will, lädt es erst einmal zum Essen ein. Heute geht leider ein wenig das Miteinander am Tisch verloren. Jeder isst in seinem eigenen Raum. Der eine spielt am Computer, der andere sitzt am Fernseher, und der nächste isst nur im Stehen, weil er zu Freunden gehen will. Vielleicht liegt es an meinem Alter, dass ich über solche Dinge nachdenke. 

Wie gehst du damit um, älter zu werden?

Es hat für mich einen Wert, denn ich bekomme eine andere Gelassenheit. Aber gleichzeitig vergeht die Zeit immer schneller. Vielleicht liegt es daran, dass sich vieles wiederholt. Und so frage ich mich auch, mein Gott, warum sind Menschen nicht imstande zu lernen? Sie lernen nicht aus Ereignissen, die schon zigmal passiert sind, weil sie glauben, beim nächsten Mal wäre es im Ergebnis anders. Wir müssten eigentlich alle Konflikte, alle Risiken, alle Kriege längst vermeiden können. Es gibt doch so viele intelligente Menschen, die uns zum Beispiel erklären, wie wir unsere Kinder so erziehen, dass sie demütiger sind, dass sie offen sind für ein besseres Miteinander oder für ein gemeinsames Ziel. Aber dann kommt die eingeimpfte Volkskrankheit Neid, kommen Missgunst und Gier hoch, und der Mensch begeht wieder dieselben Fehler. Ich vermisse heutzutage Werte wie Höflichkeit, Freundlichkeit, Demut, Respekt und Dankbarkeit. 

 (c) Robert Boecker

Wie wichtig ist es, an etwas zu glauben?

Wenn Menschen nicht an etwas glauben, dann tun sie mir leid. Der Glaube ist immens wichtig für uns Menschen. Meine Frau ist Kroatin und eine streng gläubige und praktizierende Katholikin. Ich begleite sie immer wieder in die Kirche. Mit ihr habe ich tolle Geistliche kennengelernt, die mir nach dem ersten Begrüßen so ein unglaubliches Vertrauen entgegengebracht haben. Mit ihnen konnte ich diskutieren und beten. Ich habe aber auch Geistliche kennengelernt, die sehr stark eine Kirchenkarriere verfolgt haben. Einen habe ich getroffen, der über eine Priesterlaufbahn nachgedacht hat, weil er seinen Heimatpfarrer als mächtigsten Mann im Dorf erlebt hat. Das fand ich enttäuschend. 

Und wie wichtig ist die Erfahrung von Leid im Leben eines Menschen?

Sehr wichtig. Zuerst einmal möchte ich, dass es allen Menschen gut geht. Sie sollen gesund geboren werden, in Liebe aufwachsen, sich im Beruf wohlfühlen und mit Menschen zusammenleben, die sie mögen. Aber ich möchte ihnen gerne zeigen, dass sie im Leid auch ihr Glück erkennen können. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Wenn man gesundheitliche, familiäre oder berufliche Tragödien durchstehen musste, dann kann man erst sein Leben und seine Erfolge richtig wertschätzen. Es schockiert mich, dass sich gesunde Menschen hier in diesem Land oft beklagen, dass sie unglücklich sind und Schuldige suchen, aber ihren Hintern nicht hochbekommen, etwas zu verbessern. Ich habe andererseits Menschen mit einem Handicap kennengelernt, die viel auf den Weg bringen und glücklich sein können. Vielleicht ist das Gottes Gerechtigkeit.  

Hören Sie hier Ausschnitte aus dem Exklusiv-Interview:

SommerZeit 2022 (c) Robert Boecker

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