Märtyrer in Albanien (c) Cäcilia Giebermann

In Gottes Namen

  • 15.11.16 10:10
  • Giebermann, Cäcilia
  •   Im Auftrag des Herrn

Am nächsten Tag besuchen wir Dom Ardian. „Dom“ ist im Albanischen die Anrede für einen Priester (italienisch „Don“), es folgt der Vorname. Dom Ardians Gemeinde liegt im Norden Albaniens, seine Pfarrkirche St. Johannes der Täufer ist die erste, die nach Überwindung des Kommunismus gebaut wurde. Unter Enver Hoxha sollte Albanien zum ersten atheistischen Land der Welt werden, die Kirchen wurden zerstört oder entehrt, z.B. in Vergnügungsstätten umfunktioniert. Dom Ardian, der für unsere Schar gut gekocht hat, freut sich über die Kerze aus der Taufkirche von Dom Zef (Josef).

Christinas Kampf gegen die Blutrache

Nachmittags besuchen wir Schwester Christina in der Nähe von Shkodra. Sie arbeitet mit Familien, die in Blutrache liegen, ein uraltes Problem in Albanien. Auch Dom Zef hat sich sehr für die Versöhnung der verfeindeten Familien eingesetzt und konnte das gegenseitige Töten beenden. Die Verhandlungen dazu sind schwierig, denn die Menschen glauben, dass die Seele eines getöteten Mannes erst Ruhe findet, wenn für ihn ein Mann aus der Täterfamilie erschossen wurde. Vielleicht wird unsere vierte Kerze einmal bei einer Friedensverhandlung angezündet? Im Weggehen entscheiden sich die Kinder, den großen Palmzweig, den sie am Ende der Seligsprechung bekommen haben, zu verschenken: Er soll nun die Kapelle des Klosters schmücken.

Spurensuche in den Bergen

Der nächste Morgen führt uns in die Berge, in den Gebirgszug Mirdite. Hier war die erste Gemeinde unseres Onkels, hier ist im ehemaligen Pfarrhaus „unser“ Gjergj aufgewachsen, den ich vor acht Jahren, als er ein Junge war, kennengelernt habe. Jetzt kümmert er sich als Au Pair um unsere Kinder, er hat ihnen schon viel von seinem Elternhaus erzählt. Zielstrebig laufen die Kinder zu den Tieren, zu Schweinen, Hühnern und einem Maulesel. Zwei Kühe musste die Familie gerade verkaufen: Die medizinische Behandlung eines schwerkranken Mädchens, besonders aber die Bestechung der Ärzte wäre sonst nicht bezahlbar gewesen. Wir Erwachsenen werden nach albanischer Sitte mit Raki und Kaffee begrüßt. Dann tischt die Familie ein Lamm auf, dazu Ziegenkäse und alles, was die Felder hergeben. Sie haben für uns die Ruine der alten Pfarrkirche gereinigt, die im Kommunismus zur Schule, später zum Schweinestall umfunktioniert war. Trotzdem kamen die Menschen immer hierhin zum Gebet. Heute finden wir als kleine Opfergabe einen Apfel in den Steinen der Kirchentür. Neben der Kirche steht nun ein Kreuz, das mit einer Inschrift an Pfarrer Marxen erinnert. Drinnen im Pfarrhaus steht unsere Kerze.

Gelebte Nächstenliebe an einem Kind

 (c) Cäcilia Giebermann

Ein paar Straßen weiter besuchen wir einen alten Mann, der meiner Familie noch einmal die Geschichte seines kleinen Bruders erzählt: Der Zweijährige hatte hohes Fieber bekommen und drohte zu sterben. Die Mutter rief Dom Zef, denn längst war bekannt, dass der Priester aus Deutschland über gute Medizinkenntnisse und zahlreiche Medikamente verfügte.

Dom Zef sah die Eiterbeule am Hinterkopf des Kindes und schabte sie vorsichtig mit einem Löffel aus. Dies wiederholte er mehrere Monate lang fast täglich. Der Junge überlebte und wurde später Lehrer. Als ich ihn vor ein paar Jahren aufsuchte, ließ er mich das walnussgroße Loch an seinem Hinterkopf tasten. Vor einigen Monaten ist er gestorben. Da passt unsere Kerze im Haus seines Bruders doch gut! Beim Erzählen schaut der alte Mann immer wieder liebevoll zu seiner Frau, die ihm vor über sechzig Jahren von den männlichen Verwandten in einem fernen Dorf, getreu den Vorschriften im „Gesetz der Berge“, ausgesucht wurde.

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