Wegbegleiter Josef Marxens (c) Cäcilia Giebermann

Interreligiöser Dialog in Albanien

  • 16.11.16 11:03
  • Giebermann, Cäcilia
  •   Im Auftrag des Herrn

Wir fahren in die zweite Gemeinde von Josef Marxen: ein kleines Dorf in der Nähe der Küste. Wir finden noch alte Zeitzeugen, darunter ein muslimisches Ehepaar. Sie berichten, wie gut der katholische Pfarrer zu ihnen war, wie er ihnen ohne Ansehen der Religion geholfen und sie gegenüber den in der Gegend stationierten deutschen Soldaten verteidigt hat. Hier schenken wir keine Kerze aus der Taufkirche, sondern eine Friedenskerze mit entsprechender Aufschrift. Der Friede zwischen den Religionen war Josef Marxen ein wichtiges Anliegen. Ausdrücklich lud er Orthodoxe und Muslime ein, in seine Kirche zu kommen: „Dies ist ein Haus Gottes. Wer kommen will, komme herein!“ Als er zum ersten Mal verhaftet war und im örtlichen Gefängnis saß, schrieben Vertreter der Katholiken, Orthodoxen und Muslime gemeinsam an die Gefängnisleitung und baten um seine Freilassung. Tatsächlich bekamen sie ihren Dom Zef für kurze Zeit frei, bis er erneut verhaftet und dann gleich in das entfernte Gefängnis nach Tirana gebracht wurde.

Große Ehre

Am Ende unserer Reise steht die politische Ehrung der Märtyrer. Albaniens Präsident hält eine bewegende Rede und bittet um Entschuldigung für die Ermordungen, die sein Land in der Zeit des Kommunismus begangen hat. Jeder seliggesprochene Märtyrer erhält posthum den Orden der Nationalfahne, die höchste Auszeichnung Albaniens. Dieser Orden wird einem Vertreter seiner Familie überreicht. Es gelingt mir, zusammen mit der deutschen Botschafterin den Präsidenten zu fragen: Müsste Versöhnung nicht weiter gehen, müsste die albanische Regierung nicht auch die Akten öffnen, damit z.B. die Gräber aller Hingerichteten identifiziert werden können? Bis jetzt ist nur ein Teil bekannt, Josef Marxens Grab kennen wir nicht. Der Präsident bestätigt, dass die Kommunisten präzise gearbeitet und jeden Toten noch zusätzlich erschossen haben, wobei mit dieser Kugel der Beweis der Tötung und die Identifizierung des Verstorbenen verbunden war. Diplomatisch erklärt er, die Offenlegung der Akten sei ja beantragt. Wir fragen nach, wollen konkretere Angaben. Die Kerze aus Worringen, die ich ihm schließlich schenke, scheint ihn seltsam zu bewegen.

Kerzen als Symbol

 (c) Cäcilia Giebermann

Zwei Kerzen habe ich noch, eine davon nehme ich beim Rückflug ins Handgepäck. Im Flugzeug geht ein Raunen durch die Reihen: Edi Rama ist an Bord, der albanische Ministerpräsident. Als einziger höchstrangiger Politiker war er weder bei der Seligsprechung noch bei der politischen Ehrung der Märtyrer anwesend. Mit ein paar Worten über unsere Reise anlässlich der Seligsprechung gebe ich ihm eine Kerze. Er nimmt sie an und dankt. Eine Kerze bleibt übrig. Unter den 38 Märtyrern sind viele, deren Geschichte mich sehr bewegt.

Der Priester Dede Malaj etwa wurde als „projugoslawischer Spion“ angeklagt, als Beweis gegen ihn diente ein in seinem Haus gefundener Rettungsring, der im Verfahren zum Fluchtdampfer hochstilisiert wurde. Als sein Todesurteil verkündet war, wandte sich seine dreizehnjährige verwaiste Nichte Drandja hilfesuchend an zwei Priester. Diese ermöglichten ihr den Weg nach Tirana, wo Drandja bei der Ehefrau von Enver Hoxha um das Leben ihres einzigen Verwandten bitten wollte. Nexhmije Hoxha wies das Kind zurück mit der Erklärung, der Onkel sei ein schlechter Mann. Wenige Tage später kam auch die schriftliche Antwort: „Deine Bitte wird abgelehnt.“ Kurz vor seiner Erschießung sprach Dede Malaj nicht nur ein Glaubensbekenntnis, sondern er bat auch, dass man sich seiner verwaisten Nichte annehmen möge. Die beiden Priester, die Drandja helfen wollten, wurden später ebenfalls hingerichtet. Oft habe ich mich gefragt, was aus dem Kind geworden ist. Beim Präsidentenempfang finde ich sie: Drandja, heute siebzig Jahre alt, nimmt mich sehr herzlich in den Arm. Wie gut, sie so wohlbehalten, ja strahlend anzutreffen! Ich bin zu überwältigt, um an ein Geschenk zu denken. Bald will ich ihr die letzte Kerze geben, dazu reise ich gerne wieder nach Albanien.

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