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Jesus und das Stigma seelischer Leiden

  • 19.12.19 08:22
  • Lars Schäfers
  •   Kurz und Knapp

Es ist ein Zeichen gegen das Stigma: James Conley, der Bischof von Lincoln, bekannte sich jüngst offen zu seiner psychischen Erkrankung und nimmt eine Auszeit. Wie ihm geht es vielen Menschen. Psychische Erkrankungen werden immer häufiger diagnostiziert, Menschen scheiden wegen seelischer Leiden öfter denn je zeitweilig oder ganz aus dem Arbeitsleben aus. Verstärkt wird das Leiden der Betroffenen und ihrer Angehörigen durch die Erfahrung von Stigmatisierung als einer „zweiten Krankheit“, wie der Psychiater Asmus Finzen es nennt. Krankheiten wie Schizophrenie, Zwänge oder Alkoholsucht erwecken Vorurteile und Diskriminierungen. Betroffene werden zu Stigma-Opfern. Nicht jeder kann so offen damit umgehen wie der Bischof von Lincoln. Das Stigma ist nämlich ein sehr belastender Aspekt im Leben der Betroffenen, der zu der ohnehin schon anstrengenden Aufgabe der Bewältigung ihrer Krankheit hinzukommt.

Steht schon in der Bibel

Religiöser Glaube kann psychisch Erkrankten mit dem Wunsch nach Heilung und Anerkennung Halt und Hoffnung spenden. Man schaue etwa auf die Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen Jesu. Im Neuen Testament werden sie gerahmt durch die Botschaft vom Reich Gottes als der Metapher für die liebevolle „Herrschaft“ Gottes, die Hoffnung auf ein ganzheitliches Heil stiftet. Religion, und auch manche Interpretation des christlichen Glaubens, kann jedoch auch Stigmatisierung begünstigen; etwa wenn psychische Krankheiten als Besessenheit von Dämonen oder vom Teufel oder aber als Strafe für Sünden gedeutet werden. Jesus weist die Vorstellung von Krankheit als göttliche Sündenstrafe entschieden zurück. Als Jesus angesichts eines blind Geborenen gefragt wird: „Rabbi, wer hat gesündigt, er selbst oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“, entgegnet er: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden“ (Joh 9, 2-3). Ganz grundlegend zeigt die häufig im Neuen Testament erzählte ärztliche Zuwendung Jesu zu den Kranken, dass Gott nicht strafend auf der Seite der Krankheit, sondern zuwendend auf der Seite des Kranken steht. Der verstorbene Theologe Eugen Biser wollte das Christentum daher als eine im Kern therapeutische Religion verstanden wissen, da Jesus ein zutiefst heilsames, radikal positives Gottesbild vermittelt habe.

Die Gretchenfrage

Es gilt, nach dem Beispiel Jesu die krankheitsbedingte Verletzbarkeit des Menschen wahrzunehmen, jedoch ohne den Menschen auf seine einschränkenden Merkmale zu reduzieren. Letztlich geht es auch um die Frage: „Was ist normal“? Normal ist es, verletzlich und verwundbar zu sein. Wer auch um seine eigene Verletzlichkeit weiß, muss sich von seelisch Erkrankten nicht ab- und diese nicht ausgrenzen. Toleranz und Empathie sind gefragt. Der Wunsch nach Heilung, Anerkennung und Selbstannahme passt zur christlichen Botschaft, wenn deren heilsame Dimension wieder neu zur Geltung gebracht und ausgedeutet wird. Ein offener Umgang mit seelischen Leiden, wie Bischof Conley ihn vormacht, sollte daher gerade unter Christinnen und Christen in diesem Sinne zur Normalität werden.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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