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Johann Lafer: „Ich wollte Priester werden“

  • 30.06.20, 13:02
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Herr Lafer, Sie sind auf einem Bauernhof groß geworden. Inwiefern hat Sie das geprägt?

Eigentlich ist das das Ausgangsthema meines Lebens und meines Berufs, weil ich so glücklich war mitzubekommen, wie Lebensmittel entstehen. Wie wir sie selbst ernten mussten und dann etwas daraus gemacht haben. Besonders wichtig war aber auch die Erfahrung, dass es das nicht immer gab, sondern es gab immer nur zu bestimmten Jahreszeiten gewisse Dinge, wie Obst und Gemüse zum Beispiel. Ich habe damals gelernt, mich darauf zu freuen, was bald kommen, was bald erntereif sein wird, und ich erinnere mich noch sehr gut, als wir dann im Herbst das Sauerkraut mit den Füßen im Bottich getreten haben, und wenn es dann an Weihnachten Sauerkraut gab, das war wie Kaviar, das war der Wahnsinn, das war wirklich etwas ganz Besonderes.

Hatte das Erntedankfest bei Ihnen Tradition?

Absolut. Wir haben Erntedank nicht nur gefeiert, sondern regelrecht inszeniert. Wir haben einen ganzen Wagen mit Lebensmitteln dekoriert und sind damit dann am Erntedank-Sonntag zur Kirche gefahren. Diesen Dank für die Ernte haben wir sehr bewusst ausgesprochen. Das war für uns bereits als Kinder selbstverständlich. Wir haben dadurch auch einen großen Respekt für Lebensmittel vermittelt bekommen, denn ich habe erlebt, wenn es im Frühjahr Frost gab, da gab es keine Marillen- oder Zwetschgenknödel, da war das Thema für den Sommer und den Herbst durch, weil es eben die Zutaten nicht gab. Da habe ich bereits sehr früh gemerkt, welche Bedeutung die Natur für die Lebensmittel hat. Ich weiß, dass es Lebensmittel nicht immer gibt, dass sie auch nicht vom Himmel fallen und dass sie nicht jedes Mal die gleiche Qualität haben können.

Sie sind in einem sehr gläubigen Elternhaus groß geworden. Welche Werte haben Ihre Eltern Ihnen vermittelt?

Zunächst einmal Dankbarkeit, dann Ehrlichkeit und Höflichkeit und den Mitmenschen zu ehren und zu schätzen und Respekt vor jedem Menschen zu haben. Der Satz meiner Mutter „Mit dem Hut in der Hand kommst du durch das ganze Land“ hat sich so oft in meinem Leben bestätigt. Ich bin immer noch der Hansi aus der Steiermark, ich koche vielleicht wie der Johann, aber meine Wurzeln kommen von daher, und so bin ich bis heute geblieben.

Wie haben Sie die Zeit als Messdiener erlebt?

Das war eine meiner schönsten Zeiten, nicht nur, weil ich Messdiener war, sondern die Gemeinschaft in der Kirche, die gemeinsamen Treffen, das gemeinsame Fußballspiel am Nachmittag, der Messdiener-ausflug oder auch das Sternsingen waren wichtige Erlebnisse und Höhepunkte meiner Jugend. Auch auf die fünf Stunden Andacht an Karfreitag habe ich mich gefreut. Das war für mich eine ernst zu nehmende Aufgabe, und ich bin darin aufgegangen und habe damals schon gewusst: Ein Leben ohne Glauben wird nicht funktionieren, denn Hoffnung und Glauben braucht jeder Mensch, und die habe ich in der Kirche wirklich hautnah erlebt.

Sie sind ein großer Fan der heiligen Hildegard von Bingen. Warum?

Was diese Frau damals vor 900 Jahren gelebt und verkündet hat, ist heute aktueller denn je. Hildegard von Bingen ist ein großes Vorbild für mich, weil ich mich bereits seit vielen Jahren mit Kräutern beschäftige. Mittlerweile gibt es ja über 120 Heil- und Kräuterpflanzen in meinem Repertoire, und ich habe mich im Vorfeld natürlich damit beschäftigt, was Hildegard von Bingen damals schon gemacht hat. Sie war wirklich eine große Gelehrte und, was das Thema Heil- und Kräuterpflanzen betrifft, eine wahre Seherin.

Wie bewerten Sie Ihren Beruf als Koch?

Das ist meine Berufung. Ich bin, glaube ich, dazu geboren worden. Ich wollte auch Priester werden, meine Eltern konnten sich aber das Studium nicht leisten. Und dann bin ich Koch geworden. Natürlich habe ich auch Tage, an denen ich mal keine Lust habe, aber dann frage ich mich selber immer, was hätte ich denn gemacht, wenn ich nicht Koch geworden wäre, und dann fällt mir darauf ziemlich wenig ein, muss ich sagen.

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