(c) Robert Boecker

Kämpfer fürs Klima

  • 04.01.22, 14:09
  • Peter Angenendt

Es ist ein Balanceakt zwischen Büro im Generalvikariat und Gemüsebeeten zu Hause. Christian Weingarten engagiert sich nicht nur in seinem Job für Natur und Klima, auch im Privaten lebt der Leiter der Abteilung Schöpfungsverantwortung im Erzbistum Köln seine Grundüberzeugung. Das beweist ein Besuch bei ihm in Kerpen-Horrem. In der gepflegten Wohnsiedlung fällt der Garten des 32-Jährigen aus dem üblichen Rahmen. Aus recycelten Holzlatten hat er ein Gewächshaus in der Form eines Iglus gezimmert, unter Plastikdeckeln zum Transport von Torten wurden schon im März Kichererbsen oder Tomaten auf dem Fensterbrett vorgezogen. Vier namenlose Hühner gackern im Gehege und werden zum Jahresende geschlachtet.

Franziskus als Vorbild

Die Schöpfung bewahren, wie es Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“ so eindringlich fordert – das ist der Gedanke, der den Familienvater nachhaltig bewegt. „Auf der TED-Konferenz war Papst Franziskus ein Topredner.“ Dort habe er vor Technologie-Entwicklern und Designern daran erinnert, dass wirtschaftlicher und technischer Fortschritt nicht über das menschliche Wohlergehen zu stellen sei. „Der heilige Franziskus ist für mich wegen der Schlichtheit ein Vorbild. Papst Franziskus wiederum beeindruckt mich, da er über die Kirche hinaus für Ökologie und ,Schwester Erde‘ Akzente setzt“, sagt Weingarten. Er versteht sich nicht als Feigenblatt des Erzbistums, seine Abteilung ist aus einem Einmannbetrieb in anderthalb Jahren auf acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewachsen. „Wir haben ein riesiges Schiff in Bewegung gebracht“, sagt der aus Quadrath-Ichendorf an der Tagebaukante stammende Materialwissenschaftler. Der Großvater war Landwirt, der Vater wechselte in den Schreinerberuf, und Christian Weingarten promovierte, arbeitete in der Laserforschung. „Es war aber nicht das, was ich wollte. Ich kam in eine Sinnkrise“, sagt er. Selbstkritisch schaut er darauf, was in seiner Abteilung noch alles zu tun ist. „Mit der Anschaffung von ein paar E-Autos habe ich meinen Job nicht getan.“ Es gibt zahlreiche Baustellen und ein ehrgeiziges Visionspapier unter dem Titel „Schöpfungsverantwortung im Erzbistum Köln 2030“. Bis dahin sollen die Gebäude klimaneutral und bis in jedes Büro ein klimapositives, nachhaltiges Denken vorgedrungen sein.

Ohne Auto durchs Leben

 (c) Robert Boecker

Mehr Aufmerksamkeit will Weingarten mit seinem Stab wecken. „Wir verkaufen unsere Themen noch zu wenig“, sagt er. Im Aufbau ist die Abteilung für Biodiversität. Für die Fülle unterschiedlichen Lebens gelte es die Menschen zu sensibilisieren. Das Interesse ist da. Als Weingarten und seine Kollegen vor einem Jahr bistumsweit alte Kartoffelsorten an Einrichtungen und Privatleute verschenkten und die Pflanzaktionen mit Pflanztipps und Glaubensimpulsen begleiteten, brach aufgrund der großen Nachfrage die Software zusammen. Weingarten weiß aus eigener Gärtnererfahrung von Rückschlägen und Misserfolgen, aber auch vom Glück, das das Ernten einer Sellerieknolle oder ein Pfannkuchen aus eigenen Hühnereiern beschert.

Bislang sei er noch zu keinem Termin mit dem Auto gefahren: „Ich habe gar kein Auto.“ Familieneinkäufe und Ausflüge mit dem Neugeborenen werden mit dem Lastenfahrrad unternommen, das im Vorgarten parkt. Daneben sind auf den Beeten stellenweise noch die Schottersteine des Vormieters zu sehen, aber deren Vorzüge werden allenfalls im Schutz vor Schnecken gesehen. Weingartens Plan ist ein christlich-ökologisches Wohnprojekt, eine kleine Gemeinschaft mit Kapelle und Herbergszimmer für Menschen in prekären Lebenssituationen. „Wenn ich keine Hoffnung hätte, würde ich mich nicht engagieren. Ich habe zwei kleine Kinder, da darf ich nicht resignieren“, sagt Weingarten. Doch manche wissenschaftlichen Texte über den Klimawandel lese er mittlerweile nicht mehr vor dem Einschlafen. „Die Katastrophen kommen in Wellen und werden immer größer. Der Zustand bleibt und geht auch nicht mehr zurück. Ich wünschte, dass das mehr ins Bewusstsein rückt.“

AdventsZeit 2021 (c) Robert Boecker

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