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Kardinal Schönborn: „Blick auf die Gesamtkirche wichtig“

  • 28.10.19 16:43
  • Julia Rosner
  •   Nachgefragt

Herr Kardinal, wie sieht Ihr Fazit nach drei Wochen Synode aus?

Mein Fazit ist, dass wir nicht zu erst die innerkirchlichen Fragen stellen dürfen. Es geht darum zu schauen: Was braucht die Welt? Der große Klimaexperte aus Deutschland, Schellnhuber, hat es in seinem Beitrag auf einen traumatischen Punkt gebracht: Die Zerstörung Amazoniens ist die Zerstörung der Welt. Dieser Alarmruf ist für mich die erste Botschaft dieser Synode. Ich finde es faszinierend, dass Papst Franziskus schon in der Umweltenzyklika „Laudato si“ gezeigt hat, dass das untrennbar zusammen gehört. Das Überleben einer Gesellschaft hängt davon ab, dass die Natur funktioniert und, dass die Menschen, die dort leben, geachtet werden. Im Grunde geht es in dieser Synode um ein Stichwort: „conversion“, das heißt Umkehr und Umdenken – und zwar in allen Bereichen. Eine Ökonomie, die Amazonien zerstört, kann keine nachhaltige Wirtschaft sein. Und eine nicht nachhaltige Wirtschaft ist für den Menschen auf Dauer nicht lebbar. Die Kirche hat eine Botschaft: Um umzukehren braucht es Verzicht und um verzichten zu können, braucht es Kraft und Motivation. Diese Motivation gibt das Evangelium.

Umkehr heißt auch, neue Wege zu gehen. Das steht schon im Titel der Synode. Bezieht sich das auch auf die Seelsorge?

Auch hier heißt es erst genau hinzuschauen. Warum haben in Südamerika und speziell in Südamerika die Pfingstkirchen solche riesigen Erfolge? Offensichtlich gelingt es diesen Gruppen, bei den Menschen zu sein. Was fehlt uns? Was haben wir zu lernen? Aber was sind auch unsere Stärken? – Das müssen wir uns fragen. Die katholische Kirche hat viele Stärken in Südamerika. Sie ist zum Beispiel enorm sozial engagiert. Die Überlegungen, Ämter für Frauen zu gestalten und bewährte Männer als Priester zu weihen, ist sicher ein Weg, den man überlegen kann, aber allein wird das nicht genügen. Es gibt drei Punkte, die speziell genannt wurden. Erstens: Ganz Lateinamerika muss gemeinsam für Amazonien solidarisch sein – das betrifft auch Priester und Ordensleute. Einige von ihnen gehen lieber nach Nordamerika oder Europa, als in den Amazonas. Zweitens: Traut die Kirche sich, wirklich darauf zu vertrauen, dass Indigene, also Einheimische aus den einheimischen Völkern, auch Gemeinden führen können und Priesternachwuchs aus der eigenen Bevölkerung schicken? Drittens: Es gibt eine wunderbare Einrichtung, die das zweite Vatikanische Konzil eingeführt hat. Das sind Ständige Diakone. Sie sind verheiratet, haben Familie und sind berufstätig. Sie sind durchaus fähig, Gemeinden zu leiten. Von ihnen könnten sicher in Zukunft auch bewährte Männer ausgewählt werden, die dann Priester werden könnten.

Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die Zukunft von Sonderlösungen innerhalb der Kirche für einzelne Regionen ein, wie zum Beispiel die Amazonasregion?

Einzelregelungen gibt es viele in der Kirche. Ich denke da an die katholischen Ostkirchen, die andere Disziplinen und ein eigenes Kirchenrecht haben. Einige haben auch für Priester – nicht für Bischöfe – die Möglichkeit, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Vielfalt in der katholischen Kirche gehört immer dazu.

Also kann das ein realistisches Model für die Amazonasregion sein?

Das ist angesprochen worden, als eine Ausgestaltungsmöglichkeit, die es auch in anderen Bereichen gibt. Es gibt regionale Besonderheiten. Es braucht dabei jedoch immer den Blick auf die Gesamtkirche. Es kann nie ein Nationalkirchtum werden. Das ist sicher nicht der katholische Weg. Es kann aber Eigenriten geben. Ich selbst komme aus dem Dominikaner-
orden. Wir hatten einen eigenen liturgischen Ritus, eigene Traditionen. Diese Sonder- und Eigenformen hat es immer in der Kirche gegeben. Es gibt sie heute zum Beispiel in Mailand und in Spanien. Auch ein Amazonasritus wird immer wieder angesprochen. Da gibt es jedoch eine ganz praktische Schwierigkeit: Es gibt etwa 160 Völker in diesem riesigen Gebiet von Amazonien. Dort leben 30 Millionen Menschen. Ich weiß nicht, wie die Idee eines gemeinsamen Ritus – zum Beispiel in der Liturgie –funktionieren soll. Aber, dass die Länder, die am Amazonas Anteil haben, mehr zusammenarbeiten, das ist sicher. Das ist ein Beschluss, der schon existiert. Das wird auch eine der großen Früchte dieser Synode sein.

SommerZeit 2019 (c) Robert Boecker

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