Prof. Josef Freise (c) Josef Freise

Kennenlernen und Vertrauen

  • 08.03.17 08:44
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Wo steht der interreligiöse Dialog im Jahr 2017?

Zwei Entwicklungen aus NRW zeigen, wie sich der interreligiöse Dialog weiterentwickelt: Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster hat beschlossen, ein großes wissenschaftliches Zentrum zu bauen mit den Fakultäten der katholischen, der evangelischen, der islamischen Theologie und dem Lehrangebot für Judaistik unter einem Dach mit einer gemeinsamen Bibliothek. Das ist nach meiner Kenntnis einzigartig in der Welt. Die Katholische Hochschule NRW in Köln und die Erzdiözese Köln haben gemeinsam mit dem Diözesan-Caritasverband Köln und der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Augustin einen Masterstudiengang zur „Interreligiösen Dialogkompetenz“ gestartet, an dem berufsbegleitend im ersten Durchgang derzeit 21 Sozialarbeiter, Lehrer und Seelsorger teilnehmen. Hier werden Experten für den interreligiösen Dialog ausgebildet.

Was behindert den Dialog aus Ihrer Sicht im Moment?

In erster Linie ist der Missbrauch der Religion durch Politik insgesamt zu nennen. In der Türkei wird der Islam politisch instrumentalisiert. In den USA wird das Christentum durch die US-amerikanische Trump-Administration als die wahre und gute Tradition gegen das Feindbild des Islams in Stellung gebracht. Auch von der AFD und anderen populistischen Parteien in Europa wird der Islam pauschal als demokratieunfähige, politische Ideologie dargestellt. Unter einzelnen muslimischen Gruppierungen auch in Deutschland herrscht eine extreme Tendenz vor, die westliche Gesellschaft insgesamt abzulehnen und das Heil in einem islamistisch geprägten gesellschaftlichen Gegenentwurf zu suchen. Daneben gibt es in bestimmten nichtreligiösen Kreisen die Überzeugung, dass Religion insgesamt vom Übel ist. Alle diese Richtungen beinhalten Vorurteile und Feindbilder und behindern den Dialog.

Was fördert den interreligiösen Dialog?

Es gibt viele Initiativen, die den interreligiösen Dialog fördern. Das Künstler-Ehepaar Carmen Dietrich und Gregor Merten hat den „Engel der Kulturen“ in vielen Städten Deutschlands als Bodenintarsie verlegt. In meinem Heimatort Neuwied haben wir im vergangenen Jahr zweimal in einem katholischen Krankenhaus zu einem Gebet der Religionen eingeladen und anschließend zusammen gegessen und uns ausgetauscht. Auf dem Weihnachtsmarkt hatten Vertretern des Judentums, des Christentums und des Islams einen gemeinsamen Informationsstand. Dadurch entsteht gegenseitiges Kennenlernen und es wächst Vertrauen.

Was muss gesellschaftlich und politisch geschehen, dass Juden, Muslime und Christen sich besser zu verstehen?

Zuerst einmal brauchen wir einen gesellschaftlichen Dialog zwischen nichtreligiösen und religiösen Gruppen. Oft fehlen das gegenseitige Verständnis und der Respekt füreinander. In Begegnungen kann beides wachsen und nur so werden wir ideologische und weltanschauliche Spaltungen in unserer Gesellschaft verhindern können. In Bezug auf den Dialog zwischen den Religionen ist es wichtig, nachhaltige Strukturen zu schaffen. Auch auf die nach Deutschland geflohenen Mitglieder der Jesiden, die als Religionsgemeinschaft vom IS verfolgt wurden, sollten wir zugehen. Zwischen den jesidischen Gemeinden, den Synagogen- und  Moscheegemeinden sowie den christlichen Gemeinden könnten  in Partnerschaftsvereinbarungen beispielsweise regelmäßige gegenseitige Besuche, Gesprächsabende zu den Heiligen Schriften der einzelnen Religionen und gemeinsame praktische Initiativen vereinbart werden.

SommerZeit 2017

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der SommerZeit 2017.

Zur SommerZeit 2017 »