(c) Lars Schäfers

"Kirche gehört zum Glauben dazu"

  • 13.06.22, 13:32
  • Lars Schäfers
  •   Kurz und Knapp

Der Glaubwürdigkeitsverlust der katholischen Kirche ist enorm. Es ist richtig, wenn die Kirche und ihre Amtsträger selbst an ihrer eigenen hohen Moral kritisch gemessen werden. Mit Recht hält man der Kirche daher ihr durch die Missbrauchsverbrechen und deren Vertuschung jüngst noch einmal deutlich verlängertes Sündenregister vor. Und das war leider schon vorher lang, wenn man einmal in die 2.000-jährige Kirchengeschichte blickt, wie ich es als studierter Theologe getan habe. Mitglieder der Kirche sind also offenkundig nicht per se bessere Menschen, sind nicht automatisch menschlicher und moralischer als andere. Doch die Kirche vermittelt den hoffnungsvollen Glauben, dass bei all dem Bösen, zu dem Menschen fähig sind, bei Sünde und letztlich beim Tod nicht Endstation ist. Es war die Kirche, die diesen Glauben von der Zeit der Apostel an über die Jahrtausende mit all ihren Höhen und Tiefen hinweg bis zu uns heute überliefert hat. Ohne Kirche gäbe es gar keinen Glauben an Jesus Christus und durch ihn an den Gott, der uns Menschen kennt und trotzdem liebt. In der Kirche finde ich diesen Glauben an Jesus Christus – als faszinierendster Mensch der Welt zugleich Sohn Gottes. Durch die Sakramente wird dieser Glaube sinnlich, mystisch erfahrbar, ganz besonders in der Eucharistie. Überhaupt schätze ich die ganze originär katholische Glaubenskultur mit ihrem reichen Schatz an Riten und Symbolen – mit Bibel, Barock und Beichte; Weihe, Weihrauch, Weihwasser; Kruzifix, Kerzen und Co. Kirchlichkeit gehört zum Glauben dazu. Dabei kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, dass Kirche in erster Linie die Gemeinschaft der Glaubenden ist. Kirche sind wir alle als Getaufte und Gefirmte! Liebe zur Kirche bedeutet daher immer auch ein Stück Selbstliebe, die Jesus Christus schließlich ebenso verkündet hat wie die Gottes- und Nächstenliebe. 

Licht und Schatten – Weltkirche und Weggemeinschaft

Da ich der Gemeinschaft der Kirche den Glauben verdanke, vergesse ich ihre Schokoladenseite nicht. In zeitlicher Perspektive hat die weltweit älteste aktive Institution schließlich nicht nur Schatten-, sondern auch Lichtseiten, hat Verbrecher, aber auch große Heilige hervorgebracht. Überdies taucht in keinem Geschichtsbuch auf, dass sich gelebter christlicher Glaube bis heute millionenfach wohltuend auf den Alltag, auf die Herzen und Gewissen von Menschen, auf ihr soziales Handeln in Familie und Gesellschaft auswirkt. In räumlicher Hinsicht hingegen schätze ich es, einer Weltkirche anzugehören. Einer Weltkirche, in der Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen vereint sind. Einer Weltkirche, die viel bunter und vielfältiger ist, als viele meinen. Die katholische Kirche ist kein monolithischer Block. Sie darf keine sektenähnliche „Heilsanstalt“ sein, in der weltweit alle durch die Taufe „Eingewiesenen“ in uniformer Weise das Gleiche in gleicher Weise glauben, denken und tun müssen. Kirche bietet keine klerikal garantierte Vollkasko-Heilsversicherung, wohl aber Wegmarken hin zu einem Leben in Fülle, jetzt und in Ewigkeit. Menschen ein erfülltes Leben zu ermöglichen, hat zudem eine soziale und politische Dimension, weshalb die Kirche übrigens auch eine bemerkenswerte Soziallehre im Angebot hat. Weltkirche bedeutet für mich ein Stück Heimat in aller Welt. Meiner Heimat Kirche verdanke ich es, in meinem Alltag immer wieder neu aus Glaube, Hoffnung und Liebe schöpfen zu dürfen. Als Theologe befasse ich mich auch von Berufs wegen intensiv mit der Kirche und ihrer Kernbotschaft, dass überhaupt gar nichts, keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod, uns herausreißen kann aus der ewigen Liebe desjenigen, der Ursprung und Ziel von allem ist. In diesen aktuellen Zeiten leitet mich aber nicht zuletzt von Jesu Tod und Auferstehung her die Hoffnung: Da wo Kirche an einem toten Punkt ist, kann auch neues Leben wachsen. 

SommerZeit 2022 (c) Robert Boecker

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