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Kirche im Osten nach 30 Jahren Mauerfall

  • 12.11.19 10:43
  • Julia Rosner

Herr Arnold, Sie sind katholisch und haben das von Ihren Eltern in die Wiege gelegt bekommen. Wie hat man sich als Katholik in der ehemaligen DDR gefühlt? 

Der Katholizismus in Ostdeutschland hat auf eine andere Art und Weise als die evangelische Kirche gerungen, sich in den Staat einzubringen. Die evangelische Kirche hatte sich schon nach den Kirchenkämpfen der 50er-Jahre auf den Staat eingelassen – damit teilweise auch auf die Folgen in der Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit. Die katholische Kirche hat einen anderen Kurs gefahren. Dieser Kurs hat die Kirche auf der einen Seite davor geschützt, dass der Staat zu viel Einfluss in sie gewinnen kann. Auf der anderen Seite hat es dazu geführt, dass sich die Kirche oftmals aus politischen Dingen herausgehalten hat. Aber auch einige, die in den Zeiten der 80er-Jahre stille Helden waren, wurden zu wenig von offizieller Seite der Kirche gestützt. Auch das gehört zur Geschichte mit dazu. 

Wie sah das Leben in den Gemeinden Ostdeutschlands damals aus? 

Nach außen hat man sich klar abgegrenzt, aber nach innen hatten die Gemeinden ein enorm tragendes Sozialgefüge. Wenn wir auf die Grundvollzüge von Kirche schauen: liturgia, diakonia, martyria – da ist sicher martyria, Zeugnis geben, ein Element, das sehr wichtig war. Ein viertes Element, das in den vergangenen Jahren immer noch hinzugezogen wird, nämlich die koinonia, das heißt die Erfahrung von Gemeinschaft, trug auch nach 1989 viele Menschen. Während andere in Erfahrung gemacht haben, dass alles zusammenbrach, wirtschaftlich, aber auch, dass soziale Netze einfach wegbrachen, war es für Christen, besonders vielleicht auch für Katholiken, ein Halt, dass sie getragen wurden – zum Beispiel von anderen Gemeindemitgliedern. 

Wie hat sich das Katholischsein mit dem Mauerfall in Ostdeutschland dann verändert? 

Mit dem 9. November und allen daraus folgenden Konsequenzen – ich denke an dieser Stelle an den 19. Dezember 1989, die Rede von Helmut Kohl vor der Dresdner Frauenkirche, die freien Wahlen, die deutsche Einheit – das alles hat enorm viel für die Kirche in Ostdeutschland geändert. Auf der einen Seite ist sie Teil einer größeren Kirche in Deutschland geworden und konnte noch einmal Weltkirche ganz anders erfahren. Auf der anderen Seite hat sie gelernt, wie Strukturen, die sich in den alten Bundesländern bereits entwickelt hatten, in den neuen Bundesländern übernommen werden konnten. Es ist eine wichtige und eine gute Erfahrung, diese Freiheit erleben zu dürfen. Was jedoch auffällt, ist, dass Kirche die neue Freiheit versucht hat, für sich zu nutzen. In den 1990er-Jahren spricht aus Texten von Bischöfen und anderen Verantwortungsträgern eine große Hoffnung, ja eine Sehnsucht, jetzt ist endlich Kirche in Freiheit leben zu können und, dass Menschen jetzt wieder offen zu Gott finden können. Das merkt man zum Beispiel auch an den Kirchenbauten, die in Ostdeutschland auf einmal transparent und lichtdurchflutet wurden. Man merkt: man will raus in die Gesellschaft gehen, man will Gott verkünden. 

Was wünschen Sie sich an dieser Stelle für die Kirche in den nächsten 30 Jahren? 

Ich wünsche mir für die Kirche in Ostdeutschland, dass sie ich nicht als Minderheit wahrnimmt – weder als Minderheit in dieser Gesellschaft, noch als Minderheit in der gesamten Kirche in Deutschland. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Synodale Weg in den kommenden Jahren ein Prüfstein werden kann – für uns insbesondere. Es wird sich zeigen, wie Ostdeutsche ihre Erfahrungen von Kirche-sein, von Religionen säkularer Gesellschaften, mit einbringen können. Die Erfahrung von Frieden, Gerechtigkeit und Einheit, die hier ihre Wurzeln hat, kann ein wichtiger Beitrag für den Weg der Kirche in Deutschland sein.

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

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