(c) Henning Schoon

Ludwig Sebus: „Das Leben ist ein großes Geschenk“

  • 17.09.19 12:11
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Herr Sebus, gibt es Exponate in der Ausstellung, die Ihnen besonders am Herz liegen?

Es sind viele Ausstellungsstücke, mit denen ich viel verbinde. Zum Beispiel die Kappe, die ich während der Zeit meiner fünfjährigen Kriegsgefangenschaft in Russland getragen und immer dabei hatte. Oder auch der persönliche Brief vom damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer, dessen Sohn dann auch immer von mir die aktuellen Singles für seinen Vater bestellt hat.

Nach dem Krieg waren Sie fast fünf Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Das war eine schwere Zeit, nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen Kameraden. Zu wissen, der Krieg ist vorbei und es gibt überhaupt keine Notwendigkeit noch Gefangene zu machen, hat uns neben dem Hunger, der Kälter und dem Heimweh psychisch stark zugesetzt. Ich war ja erst 19, als ich in Gefangenschaft kam und hatte noch keine Familie. Viel schlimmer ging es den jungen Vätern. Da waren viele, die daran seelisch zerbrochen sind, dass ihre Familien so weit weg waren und sie lange keinerlei Kontakt zu ihnen hatten, denn zuerst hatte man in Gefangenschaft gar keine Möglichkeit Briefe zu schreiben. Später ging das zwar, aber dann durfte man nur schreiben, dass alles gut und in Ordnung ist.

Wie war das Gefühl, als Sie nach dieser Zeit, das erste Mal wieder Köln zurückkehren durften?

Als ich 1950 nach Hause kam, mit dem Zug über Friedland, das war schon ein unwirkliches Gefühl und als wir dann aus der Ferne die Domspitzen gesehen haben, das kann man gar nicht beschreiben. Zwar war Köln noch zerstört, aber vieles war schon wieder im Aufbruch, so viele haben mitgeholfen beim Aufbau, vor allem die Frauen. Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit darüber, dass der Dom noch stand, denn ohne Dom hätte ich mir Köln überhaupt nicht vorstellen können.

 (c) Henning Schoon

Wie hat sich der Karneval verändert mit der Zeit?

Es ist ja nichts so beständig wie die Veränderung (lacht). Als ich 1954 im Karneval anfing, da saßen die Leute noch im Anzug, Abendkleid oder auch Smoking in den Sälen. Kostümiert war da keiner, höchstens hatten sie eine Kappe von der Karnevalsgesellschaft an, zu der sie gehörten. Es war ein bisschen steifer als heute, aber die Aufmerksamkeit der Leute war viel höher. Die mussten natürlich auch deshalb besser zuhören, weil die Tontechnik noch nicht so weit entwickelt war. Aber es gab natürlich auch Nachteile, denn früher wurde in den Sälen noch geraucht. Da kamen Sie immer in eine Rauchwolke rein beim Auftritt.

Sie gehen jedes Jahr mit beim sogenannten „Schweigegang der Männer“, der traditionell immer am Samstag vor dem fünften Fastensonntag hier in Köln stattfindet. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Der Schweigegang, der früher Bußgang hieß, war während der Nazizeit die einzige starke Demonstration, den die Nazis nicht verbieten konnten. Bis zu 60000 Männer haben da in den Jahren 1938/1939 da mitgemacht, gebetet und gesungen. Und mein Vater war immer dabei. Ich habe die Tradition meines Vaters fortgesetzt, weil es mir als gläubiger Katholik wichtig ist, zu zeigen, dass es auch eine andere Form von Demonstration als nur politische Proteste geben kann. Ich stehe für die christlichen Werte und die sind mir sehr wichtig. Wenn wir nach dem Grundgebot von Jesus Christus leben würden, das sagt, die Liebe ist das Wichtigste  Wir bräuchten kein Grundgesetz, wenn wir uns immer danach richten würden.

Die Ausstellung, die jetzt im Kölner Karnevalsmuseum gezeigt wird, heißt „Alles su widder dun“. Würden Sie alles so wieder tun?

Wenn ich noch einmal vor den Entscheidungen stehen würde, die wirklich einmal von Bedeutung für mein Leben waren, würde ich mich immer wieder so entscheiden. Wir leben in einer der besten Zeiten überhaupt. Wenn man wie ich den Krieg erlebt hat, dann ist das so mit all den Annehmlichkeiten, die wir heute haben. Da kann man nur dankbar sein. Das Leben ist ein großes Geschenk.

Ausstellung "Alles su widder donn"

Öffnungszeiten:

19., 20., 26. und 27.09. von 16:00 bis 19:00 Uhr

21. und 28.09. von 10:00 bis 17:00 Uhr

22. und 29.09. von 11:00 bis 17:00 Uhr

Ort: Kölner Karnevalsmuseum, Maarweg 134-136, 50825 Köln

Zusammen mit dem Autor Helmut Frangenberg stellt Ludwig Sebus das gemeinsame Buch „Ludwig Sebus – Ein kölsches Jahrhundert“ vor. Am 27. September beginnt die Buchvorstellung um 19:00 Uhr im Museum im Maarweg, der Eintritt ist frei. Anschließend können die Bücher signiert werden.

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

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