(c) Lars Schäfers

Maria, die erste neutestamentliche Sozialethikerin

  • 13.06.22, 13:49
  • Lars Schäfers
  •   Kurz und Knapp

Kloster Weltenburg am frühen Abend: Die Benediktinermönche singen gemeinsam im Chorgestühl der üppig-goldenen Barockkirche. Ich bete hier zusammen mit ihnen das Stundengebet, genauer: die Vesper, das Abendlob der Kirche. Der Weihrauch steigt hinauf zu dem meisterhaften Deckengemälde, das einen Blick hoch zum Wolkenthron Gottes eröffnet. Irgendwann bekreuzigen sich die Mönche und dann heißt es feierlich: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“ Seine niedrige Magd, das ist die Gottesmutter Maria, in der katholischen Kirche als Mutter des Gottessohnes Jesus Christus hochverehrt: „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.“ Was er Großes an ihr getan hat, das gedenkt die Kirche in ihrer Liturgie alljährlich besonders in der Advents- und Weihnachtszeit. Es handelt sich bei diesem von den Mönchen angestimmten Lied um das Magnificat, ein Lobgesang Mariens, der im Lukasevangelium (Lk 1,46-55) im Rahmen der Kindheitsgeschichte Jesu überliefert ist. Gemäß dieser Geschichte stimmt die schwangere Maria diesen Hymnus während ihres Besuchs bei ihrer ebenfalls in guter Hoffnung befindlichen Cousine Elisabet an.

Die Kirche betet das Magnificat jeden Tag

Nicht nur an jenem Abend im Kloster Weltenburg, sondern jeden Abend wird das Magnificat in der Liturgie des kirchlichen Stundengebets als fester Bestandteil der Vesper gesungen – es ist geradezu ein Grundtext des christlichen Glaubens. In diesen Tagen aber fällt mir die bemerkenswerte Wendung ganz besonders auf, die dieser Lobgesang nimmt: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ Wer denkt in diesen Zeiten eines verbrecherischen Krieges in der Ukraine hierbei nicht direkt an den russischen Präsidenten Putin, dessen „Thronsturz“ längst überfällig ist? „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Angesichts der wegen des Ukrainekrieges drohenden Hungerkatastrophe ist auch dieser Ausdruck von Marias Hoffnung auf eine von Gott kommende Gerechtigkeit hochaktuell. Maria erscheint in ihrem Magnifikat als Kritikerin ungerechter Verhältnisse, als Prophetin – als vielleicht erste neutestamentliche Sozialethikerin. In diesem Sinne stünde sie in der Tradition der alttestamentlichen Sozialpropheten wie etwa Hosea und Amos. Nicht zuletzt greift der Hymnus gleich mehrere wörtliche und sinngemäße Formulierungen aus den Psalmen und den Prophetenbüchern auf. Der evangelische Theologe und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer hat das Magnificat einmal wie folgt beschrieben: „Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht ... ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht.“

Sozialkritik und Sozialethik gehören zum kirchlichen Sendungsauftrag

Die Gottesmutter gilt in der katholischen Tradition auch als Mutter und Urbild der Kirche. Dann aber gehört prophetische Sozialkritik, eine an den Nöten der Menschen ausgerichtete Sozialethik zum Kernauftrag der Kirche und ihrer Sendung. Im Magnifikat als einem aus vielfältigen alttestamentlichen Bezügen gewobenen Hymnus wird für mich deutlich: Der in der Bibel enthaltene Schatz der jüdisch-christlichen Glaubenstradition birgt angefangen vom Schöpfungsauftrag der Genesis über die Frage Gottes an den Menschen: „Wo ist dein Bruder Abel?“ bis hin zum Gebot der Nächstenliebe nach dem Vorbild des barmherzigen Samariters immer auch eine soziale Dimension. Diese sollte Christinnen und Christen immer wieder neu dazu anregen, sich zusammen mit allen Menschen guten Willens für eine gerechte Gesellschaft, eine intakte Umwelt und in diesen Tagen ganz besonders für den Frieden zu engagieren. Der Einsatz für Gerechtigkeit darf aber die Barmherzigkeit nicht vergessen lassen, die wiederum nur Gott unüberbietbar schenkt. Auch daran erinnert Maria: „Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ Inspiriert vom Magnificat Marias können wir daher sagen: Gerechtigkeit ist in christlich-sozialethischer Sicht nur der notwendige Platzhalter auf dem Weg hin zu einer Kultur der barmherzigen Liebe, die ohne gerechte gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse aber wiederum nicht denkbar wäre.

SommerZeit 2022 (c) Robert Boecker

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