Mehr als "nur" ein Archiv

  • 05.06.17 21:09
  • Martin Mölder
  •   Kultur und Kirche

Ob das neue Archiv von vornherein als eigenständige Institution geplant war und nicht bloß als ein Teil der schon bestehenden Bibliothek, ist nicht zweifelsfrei bewiesen, wohl aber deutet einiges darauf hin. Das von Bibliotheksleiter Bartolomeo Cesi im Jahr 1614 fertig konzipierte neue Archiv zog zunächst in drei Räume neben den Saal der Vatikanischen Bibliothek. Noch heute grenzen die Räume des Archivs und der Bibliothek aneinander. Diese ersten Räume sind heute allerdings ausschließlich Mitarbeitern des Archivs vorbehalten. Nur sie können Tag für Tag die maßgefertigten Schränke aus Pappelholz mit dem Adelswappen der Borghese und die reich verzierten Deckenfreskos bewundern. „Piano Nobile“, vornehme Etage, wird der Komplex der drei Gründerräume des Geheimarchivs 400 Jahre später genannt. Nachdem die ersten Jahre ganz im Zeichen der Einrichtung des Archivs standen, wuchs unter Papst Urban VIII. das Bewusstsein, dass Bibliothek und Archiv autonom werden müssen. Sichtbarer Ausdruck dessen war, dass am 23. Juli 1630 beide Institutionen eigene Leiter bekamen, In den folgenden 40 wuchs das Archiv, sowohl seine Dokumente betreffend als auch räumlich.

Erste Katalogisierung

100 Jahre später, unter Papst Benedikt XIII. begann die Phase der mühevollen Inventarisierung und Katalogisierung des Geheimarchivs. Und die Erstellung geeigneter Hilfsmittel zur Beschreibung und Suche der inventarisierten Dokumente, vor allem in den Jahren 1751 bis 1772. Der damalige Präfekt des Vatikanischen Archivs, Guiseppe Garampi, legte damals selbst eine Kartei an, die aus weit mehr als hundert gebundenen Werken besteht. Die „Garampi-Kartei“ ist bis heute eine gern eingesehene Quelle von Historikern. Die durften damals jedoch noch keinen Blick in die Dokumente des Archivs werfen. Dass das heute möglich ist, hat die Wissenschaft vor allem Papst Leo XIII. (1878-1903) zu verdanken. Als „Gelehrter und Freund der Gelehrten“ verehrt, setzte sich dieser Papst für eine Annäherung von Kirche und Kultur sowie Kirche und Wissenschaft ein. 1881 war es dann soweit. Ab sofort dürfen Forscher egal welcher Konfession die freigegebenen Datenbestände des Heiligen Stuhls einsehen. Ein Meilenstein für die Wissenschaft und der Grund dafür, dass im Jahr 2014 Historiker wie Prof. Hubert Wolf und Mario Galgano mit leuchtenden Augen und trotz vielfachen Besuchs immer noch aufgeregt, die Räume des Geheimarchivs betreten dürfen. Der Zugang ist allerdings nicht unbedingt leichter geworden in all den Jahren.

Der lange Weg hinein

 (c) picturealliance_abaca

Es ist schwierig, aber es geht. Die Zugangsvoraussetzungen, um die „Schatzkammer des Papstes zu betreten“, wie Historiker und Journalist Mario Galgano es formuliert, betreten zu dürfen, sind in der Regel für jeden gleich. Wäre er nur Journalist, hätte Galgano keine Chance.

Als diplomierter Historiker dagegen schon. „Ein kirchliches Empfehlungsschreiben ist zwar nicht Pflicht, aber der Verwalter des Archivs freut sich schon, wenn Sie einen Brief ihres Bischofs beilegen“, sagt Mario Galgano. Er hat jetzt einen Ausweis, der ihm bis zu einem Jahr Zutritt zum Geheimarchiv gewährt. Durch die Kontrollen der Schweizer Garde an der Porta Santa Anna und kurz danach der vatikanischen Gendarmerie muss er dennoch jedes Mal. Fotoapparate sind im Geheimarchiv ebenso verboten wie Handys, Aufnahmegeräte und Kugelschreiber. Laptops sind dagegen erlaubt und der klassische Block mit Bleistift. „Natürlich ist es nicht gestattet, in die Dokumente hinein zu schreiben, wenn aber doch mal die Hand ausrutscht, kann man Bleistiftspuren besser reparieren“, sagt Galgano.

Lesen Sie am 13.06. den dritten und letzten Teil unserer Serie über das Geheimarchiv des Vatikan.

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