(c) Robert Boecker

Mit Glöckchen und Gebell

  • 01.08.22, 13:44
  • Robert Boecker
  •   Kurz und Knapp

Sylvana Leeser sitzt angelehnt an einen umgestürzten Baum auf dem Waldboden. Um sie herum ist kein Weg, nur dichtes Unterholz. Die Stelle, an der sie es sich möglichst bequem gemacht hat, ist gerade so groß, dass sie die Beine ausstrecken kann. „Es war schon ein gutes Stück Arbeit, diesen Ort zu erreichen“, sagt die 37-Jährige. Wer nicht weiß, wo er die junge Frau suchen soll, wird sie kaum finden. Aber genau darum geht es: Sylvana Leeser muss gefunden werden. Es ist Sonntagmorgen. Die Uhr zeigt kurz vor zehn. Nach und nach sind drei Männer und fünf Frauen in einem Waldstück unweit der Sportschule Hennef eingetroffen. Zum Teil haben sie lange Anfahrten auf sich genommen. Mit dabei: ihre Hunde, mit denen sie heute – wie jeden Sonntag – mehrere Stunden lang trainieren werden. Nach einem freundlichen „Hallo“ bittet Ralf Lambrecht um Ruhe und Aufmerksamkeit. Lambrecht trägt die Einsatzkleidung der Malteser (MHD). Er ist der Staffelleiter, er gibt die Kommandos. Die Frauen und Männer sind Mitglieder der Rettungshundestaffel der Malteser aus Meckenheim. Erst vor wenigen Monaten hat sich die Gruppe um Ralf Lambrecht und dessen Gattin Helga, eine ausgebildete Hundetrainerin, zusammengefunden. Wer schon festes Mitglied der Staffel ist, trägt die blau-rot-weiße MHD-Einsatzkleidung mit dem Schriftzug „Rettungshundestaffel“ auf dem Rücken. Die anderen sind „Anwärter“ oder „Schnuppernde“, wie Lambrecht erklärt. Erst nach einigen Wochen regelmäßiger Teilnahme entscheidet die Gruppe über die Aufnahme neuer Mitglieder. „Wir müssen ein Team sein, in dem sich alle super verstehen und sich jeder auf den anderen verlassen kann“, erklärt der Staffelleiter.

Spezielle Dressur

Sylvana Leeser wartet noch immer. Zeit, um zu erzählen, warum sie sich mit ihrem Border-Collie-Mischling Ben bewirbt, Teil der Rettungshundestaffel zu werden. „Es ist der starke Wunsch, etwas Gutes zu tun und etwas von dem zurückzugeben, das ich erfahren habe.“ Während der Flutkatastrophe im Sommer seien es Malteser gewesen, die ihr in einer sehr schwierigen Situation entscheidend geholfen hätten. Das sei der Auslöser gewesen, sich bei der katholischen Hilfsorganisation zu engagieren, begründet die in Alfter-Witterschlick auf einem Bauernhof mit vielen Tieren lebende „Anwärterin“. Nicht zu vergessen die Freude, die das Arbeiten mit dem Hund für sie bedeute. Auf einem DIN-A4-Blatt hat Ralf Lambrecht genau aufgelistet, wann wer mit seinem Hund ins Gelände geht und welche Aufgabe er zu erfüllen hat. „Wir bilden Flächensuchhunde aus. Sie werden darauf trainiert, in unübersichtlichem und weitläufigem Gelände Personen zu suchen. Personen, die sich insofern auffällig verhalten, dass sie zum Beispiel bewusstlos auf dem Boden liegen oder verletzt sind“, erklärt Helga Lamprecht. „Die Hunde müssen eine hervorragende Nasenleistung mitbringen, Spaß an der Suche haben und Freude am Training.“ Zwei Jahre dauert die Ausbildung, die mit einer Prüfung abgeschlossen wird. Ziel sei es, den Vermissten durch das eigenständige Suchen in einem umgrenzten Bereich zu finden, die Person nicht zu berühren und durch Bellen den Hundeführer auf die erfolgreiche Suche aufmerksam zu machen. „Die Hunde müssen zwischen normalen Spaziergängern und hilfsbedürftigen Personen unterscheiden lernen“, betont die Trainerin.

Klang des Glöckchens

 (c) Robert Boecker

Im Einsatz tragen die Hunde ein Leibchen mit der Aufschrift „Rettungshund“. Daran ist ein Glöckchen befestigt. „Dadurch weiß der Hundeführer, wo sich das Tier befindet. Außerdem signalisiert es der gesuchten Person, dass Hilfe unterwegs ist, worauf die sich dann bemerkbar machen kann.“ Die Hunde sollten nicht zu groß sein, weil sie dann möglicherweise den vermissten Personen Angst machen könnten, nennt Helga Lambrecht eine Bedingung. Sylvana Leeser spielt an diesem Vormittag eine vermisste Person. Noch ist nichts von Luna zu hören. 

Mit ihrer Besitzerin Marie Christin Kobiela bereitet sich die Siberian-Husky-Hündin auf die Prüfung vor. Helga Lambrecht hat mehrere „Opfer“ in dem weitläufigen Waldgebiet „versteckt“. Leeser ist die letzte „vermisste Person“. Nach mehr als 20 Minuten des Wartens hört sie auf einmal ein lautes Bellen in der Ferne. „Luna war erfolgreich“, so ihre Schlussfolgerung. Von jetzt an spricht sie kein Wort mehr. Das Bimmeln eines Glöckchens kommt immer näher. Lautes Hecheln ist zu vernehmen. Auf einmal entfernt sich der Klang des Glöckchens. Einen Augenblick später ist es umso lauter zu vernehmen. Schon sieht man den weißen Hund über Äste und Gestrüpp springen. Zielstrebig rennt er auf das „Opfer“ zu. Er hat es gefunden. Es scheint, als sondiere der Hund zunächst die Lage. Dann setzt er sich auf die Hinterbeine und beginnt, laut zu bellen. Sylvana Leeser rührt sich nicht. Erst als Hundehalterin Kobiela bei der „vermissten Person“ angekommen ist und die Suche für beendet erklärt, darf sich das Opfer bewegen. „Gut gemacht!“, lobt Helga Lambrecht das Mensch-Hund-Team und macht Mut für die bevorstehende Prüfung: „Ihr schafft das!“ Ralf Lambrecht hofft, die Staffel in einem Jahr bei den zuständigen Stellen einsatzbereit melden zu können. Bis dahin heißt es üben, üben, üben. Jeden Sonntag in einem anderen Gebiet, um die Hunde in den unterschiedlichsten Geländen zu trainieren. Für die Teams ist das mit Aufwand und viel Fahrerei verbunden. „Man muss schon ein wenig verrückt sein, um sich das alles anzutun“, sagt Thomas Haas schmunzelnd. „Aber es lohnt sich, nicht wahr Henri?“ Und Henri, der schwarze Labrador an seiner Seite, wedelt freudig mit dem Schwanz. 

SommerZeit 2022 (c) Robert Boecker

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