(c) Julia Rosner

Musik in Paris - mehr schönes Klischee geht nicht!

  • 01.07.19 15:11
  • Julia Rosner
  •   Kurz und Knapp

Während sich die drückende Hitze des Tages legt und ein lauer Sommerwind aufzieht, sitze ich am Place des Vosges und nippe an meinem kühlen Weißwein. Den ganzen Tag über war ich zu Fuß in der Stadt unterwegs und habe die Touristenhotspots besichtigt. An dem hübschen Platz, wo einst Schriftsteller wie Victor Hugo und Théophile Gaultier lebten, finde ich Zeit zur Ruhe zu kommen. In dem kleinen Restaurant unter den Arkaden des Platzes sitzen um mich herum fast ausschließlich Franzosen. Elegant gekleidet genießen sie nach der Arbeit die mehrgängigen Spezialitäten der französischen Küche, was einige Stunden dauern kann. Ich tue es ihnen gleich und bestelle mir eine Käseplatte mit Baguette. Wenn schon Frankreich, dann richtig. Doch je später es wird, desto unruhiger werde ich. Immer lauter wird das Gegrummel um mich herum. Während mein rechtes Ohr gediegene Jazzklänge wahrnimmt, glaube ich zur Linken einen Gospelchor zu hören – beides nur gut 20 Meter voneinander entfernt. Die Fête de la Musique, das Fest der Musik, das jedes Jahr in der Mittsommernacht am 21. Juni stattfindet, beginnt.

Sister Act, Jazz Chor und Dixieland

 (c) Julia Rosner

Als immer mehr Menschen auf den Place des Vosges strömen, hält mich nichts mehr an meinem Tisch. Ich stürze mich in das Getümmel und schließe mich einer Traube Menschen an, die sich um den Gospelchor neben dem kleinen Restaurant drapiert hat. Die Frontsängerin des temperamentvollen Chors, die optisch an Whoopi Goldberg in „Sister Act“ erinnert, und der Queen of Gospel auch stimmlich in nichts nachsteht, motiviert das Publikum zum ausgelassenen Mitklatschen und Mitwippen. Ich bin ganz dabei.

Konkurrenz bekommt die Gruppe von dem Jazzchor, der zehn Schritte entfernt seinen Auftritt hat. Nicht nur durch ihre gepunkteten Petticoatkleider und die außergewöhnliche Tanzchoreographie fallen die gut zwanzig Frauen auf. Zur musikalischen Begleitung haben sie einen Pianisten samt Klavier mit auf den Platz gebracht. Sowohl jung, als auch alt lassen sich von Klassikern aus den 1960ern in Jazzversion verzaubern. Doch nicht nur auf dem Place des Voges wird an diesem Abend musiziert. Die ganze Stadt verwandelt sich immer mehr in eine große Bühne. In fast jedem Café und auf jedem Platz gibt es Livemusik. Von Bläsergruppen, die einen Mix aus Dixieland und bayrischer Blasmusik spielen über ganze Orchester bis hin zu DJs, die Hip-Hop und House auflegen, ist an diesem Abend alles dabei. Wie ein Flummi springe ich von einer Bühne zur nächsten, verweile dort, wo es mir gefällt und wage das eine oder andere Tänzchen.

Baguette und Rotwein – klar!

 (c) Julia Rosner

Als ich wieder auf die Uhr schaue ist es schon weit nach Mitternacht. Zeit für mich, noch ein Ziel anzusteuern, auf das ich mich schon den ganzen Abend freue: die Pont des Arts, eine der schönsten Brücken in Paris. Vor dem Hintergrund der Partymeile, zu der sich das Ufer der Seine mittlerweile verwandelt hat, entdecke ich auf der Brücke eine kleine Gruppe von Menschen, die gemeinsam französische Volkslieder singen. Einige der Texte kenne ich noch aus dem Französisch-Unterricht in der Schule. Während der Initiator des Spontanchors Liedzettel an die vorbeilaufenden Passanten verteilt, schließt sich ein Baskenmütze tragender Akkordeon-Spieler der Gruppe an.

Immer mehr Paare und solche, die es vielleicht bald sein werden, beginnen zur Musik auf der Brücke zu tanzen. Ich traue mir an dieser Stelle kaum zu schreiben, dass der Chorleiter im Laufe des Abends auch noch Baguette und Rotwein an den kleinen Spontanchor verteilt hat. Für Außenstehende mag das alles furchtbar kitschig klingen, aber so sind die Franzosen aus tiefsten Herzen. Sie kennen die „l’art de vivre“, die Kunst des Lebens ganz genau. Wer Paris zur Fête de la Musique besucht, kann sich davon in besonderem Maße verzaubern lassen. Doch eigentlich ist diese wunderbare Stadt immer eine Reise wert. Mit einer Vielzahl von Ohrwürmern gehe ich am frühen Morgen beschwingt zurück in mein Hotel.

SommerZeit 2019 (c) Robert Boecker

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