(c) Lars Schäfers

Mystik auf dem Kilimandscharo

  • 09.08.18 13:27
  • Lars Schäfers
  •   Glaubensmagnete

Der Oktober ist klimatisch ein guter Monat für die Besteigung des Kilimandscharo. Unten hat die Regenzeit noch nicht begonnen, oben aber fällt schon mehr Schnee. Majestisch erhebt sich der Berg schon von weitem. Vom wolkenlosen Himmel hebt sich eine dünne weiße Schicht oben auf dem Gipfel ab – Gletscher, die es klimabedingt schon bald nicht mehr geben wird. Nach einem zunehmend steileren Anstieg erreicht man auf 4.310 Metern Höhe das Camp Mawenzi Tarn Hut. Es liegt am einzigen Bergsee des Kilimandscharo. Nebel, strömender Regen dann dichter Schneefall – Das Wetter ist hier unberechenbar. Die Wolken und ihre Ausflüsse lässt man aber hinter sich, wenn man auf dem Gipfel angelangt. Wer über Nacht die letzten Pfade meistert und bei Sonnenaufgang oben ankommt, erlebt ein faszinierendes, ein geradezu mystisches Naturpanorama.

Wo die Schöpfung auf den Schöpfer verweist

Mystik, aus dem Griechischen kommend bedeutet es so viel wie „geheimnisvoll“. Letztlich ist der Begriff schwierig zu definieren. Mystik kann dabei am ehesten als Erfahrung des Einsseins mit Gott verstanden werden. Dabei geht es nicht darum, sich von der Welt in einer Art geistiger Entzückung abzuwenden. Gerade in der Zuwendung, im Schauen der Wirklichkeit, kann deren Urheber und Urgrund erfahren werden. Der Kibo ist ein Ort solcher Schöpfungsmystik. Auf dem höchsten Punkt des Gipfels erwartet die Bergsteigerin und den Bergsteiger nur ein Holzschild, das ihn zum gelungenen Aufstieg beglückwünscht. Wer hier steht, den erfasst die glückliche Gewissheit, das Ziel eines anstrengenden, tagelangen Aufstiegs erreicht zu haben.

Demut und Spiritualität

 (c) Lars Schäfers

Wer während dieses Gefühlshochs den Blick auf dem Panorama verweilen lässt, auf dem Wolkenmeer und den Gletschern, die von der langsam aufgehenden Sonne rot-gelb angeleuchtet werden, der kann erahnen, vielleicht sogar erspüren: Diese Schönheit der Natur verweist auf Größeres. Die Kirche vertritt traditionell die Auffassung, dass die Geschöpfe, wenn auch je unvollkommen und bruchstückhaft, ihren Schöpfer spiegeln:

„Denn von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen“ (Weish 13,5). Menschliche Worte reichen nie an das Mysterium Gottes heran. Herausragende Naturerlebnisse indes, wie sie auf dem Kilimandscharo möglich sind, vermögen zwar nicht dem Verstand, wohl aber dem Herzen den Hinweis zu vermitteln, dass es mit den Dingen dieser Welt nicht abgetan ist.

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

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