(c) Jan Sting

Mystischer Blick in die Augen der Eifel

  • 20.08.20 13:22
  • Jan Sting
  •   Kurz und Knapp

Geheimnisvoll wirkt die kleine Kapelle, dem heiligen Martin geweiht, am Nordufer des sogenannten Weinfelder Maars. Im Volksmund wird der kreisrunde See auch Totenmaar genannt. Einst war hier das Dorf Weinfeld, von dem nur die Kirche stehen blieb. Dazu gehört ein Friedhof, der dem Maar seinen zweiten Namen gibt. Eine Wüstung, eine aufgegebene Siedlung, ist Weinfeld. Denn im 16. Jahrhundert wurde der Ort von der Pest heimgesucht. Der Sage nach soll ein Schloss an der Stelle des heutigen Kraters gestanden haben. Wer lange genug ins Wasser schaut, soll es angeblich sehen. Der See entstand allerdings bereits schon vor gut 20.000 Jahren. Ein Schloss war damals eher unwahrscheinlich. Immerhin: Wer am Seil der Kirchglocke zieht, darf sich was wünschen. Und unweit des Maars liegt der Falchertsborn. Hier soll der Hengst Falchert mit einem Huftritt eine Quelle angezapft haben. Ein Findling, der mit etwas Fantasie einem Pferdekopf ähnelt, liegt am Boden.

Ort der mittelalterlichen Weber

Die Naturschönheiten der „Augen der Eifel“ zu erwandern, quasi über die Nase und die Brauen am Wasser zu wandeln, dabei den Blick in landschaftliche Weite zu genießen, ist die Reise wert. Los geht es in Schalkenmehren, Anfahrt über die A 1 Wittlich – Dreieck Vulkaneifel, Ausfahrt Mehren. Dann ist es nicht mehr weit bis nach Schalkenmehren. Der Ort der einstigen, mittelalterlichen Weber ist heute Wohlfühloase mit touristischen Angeboten und gut frequentierter Gastronomie. In Schalkenmehren beginnt die Wanderung. Der Kreislauf wird beim steilen Anstieg kurz in Wallung gebracht. Es geht aus dem Ort heraus eine kleine Weile entlang der viel befahrenen Hauptstraße. 

Preußisches Sibirien

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Bald aber entlohnt der Ausblick auf eine „ferne Burg“. Es ist der Dronke-Turm auf dem Mäuseberg. Ihn haben die Eifler 1902 zu Ehren ihres Landsmanns, des Trierer Lehrers Adolf Dronke auf das Plateau mit atemberaubender Aussicht hingestellt. 1888 gründete Dronke in Bad Bertrich den Eifelverein. In Zeiten der Rezession – die Eisenindustrie war im Niedergang, die Landwirtschaft rückständig – galt die Eifel als „preußisches Sibirien“. Aufgrund der Armut wanderten viele ab. Vor uns liegt der Mäuseberg und wir wandern nun richtig los, folgen dem Zeichen Maare Glück, eine Tour des Touristennetzwerks Gesundland Vulkaneifel.

Die Route ist abwechslungsreich und führt vorbei an satten Wiesen zu einem Reiterhof, auf dessen Koppeln die Pferde die Sonne genießen, vorbei an einsamen Anglern an eingezäunten Fischteichen weiter in den Wald. Wildrosen blühen im Bogen über den Weg und der Fingerhut sticht in kräftigem Violett aus vermoostem Unterholz. Idylle pur. Nach einer längeren Strecke durch den Wald geht es bergauf zum ersten der drei Augen, dem Gemündener Maar. Mit einer Fläche von 7,2 Hektar ist es das kleinste der drei Dauner Maargewässer. Das Waldcafé liegt oberhalb des Sees, der sich in einem bewaldeten Krater ausbreitet, auf dem die Tretbötchen fahren und im Sommer ein kleines Freibad lockt. Dem Wanderer begegnen Menschen mit Luftmatratzen, verzückte Rufe aus dem Wasser verraten: „Es dürfte hübsch kalt sein.“ 

Sitzbank mit Schaukelmodus

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An der Kreuzung geht es rechts aufwärts in Richtung des Dronke-Turms, der in direkter Ansicht mit 10,5 Metern Höhe gar nicht so groß ist, wie er unterhalb des Mäusebergs gewirkt hat. Ein paar Kinder stellen trocken fest, dass das Gemäuer ja gar nicht richtig alt ist. Dafür entschädigt der atemberaubende Panoramablick über die gesamte Vulkanlandschaft rund um Daun.

Bei gutem Wetter ist sogar der Hunsrück zu sehen. Es gibt eine Sitzbank im Schaukelmodus, von der aus sich in die Ferne schweifen lässt. Und das verschafft auch den Füßen frischen Wind. Vom Turm führt eine breite, freie Ebene über eine Schafskoppel mit Sennerei-Feeling, bis zum Rastplatz, der wiederum den Blick auf den Sagen umwobenen Weinfelder Maar freigibt. Hier scheint die Zeit still zu stehen: Stünden Bauern mit Sense in der Schräge, es würde den Wanderer nicht wundern. Der 51 Meter tiefe und rund 16,8 Hektar große See, den Totenmaar. Noch heute kursieren Sagen vom versunkenen Schloss. Dessen Herrin hatte kein Mitleid mit den Armen, hetzte eines Tages die Hunde auf eine Frau, die um Brot bettelte. Bei Blitz und Donner schwankte der Boden, um das Schloss zu verschlingen. Es geht abwärts, wir entscheiden uns nach kurzem Abstieg, auf dem Pfad oberhalb des Uferwegs zu bleiben. Dort ist es schön schattig. Schon nach kurzer Zeit kommt das dritte Auge in Sicht. Wir wandern – im Gegensatz zur Ruhe im Wald – hinein in den Touristentrubel von Schalkenmehren. Dort gibt es vielfältige Möglichkeiten für eine abschließende Einkehr.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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