(c) Julia Rosner

New York: Die Stadt für Hochkant-Fotos

  • 11.03.19 14:57
  • Julia Rosner
  •   Kurz und Knapp

“We are in New York, we don´t believe in personal space“ (übersetzt: „Wir sind in New York, wir geben nichts auf persönlichen Raum“). Mit diesen Worten wurde ich bei meinem ersten Ausflug auf die Dächer von New York begrüßt. Mehr oder weniger liebevoll forderte mich das Sicherheitspersonal auf, näher an die anderen Besucher heranzutreten, damit noch mehr Menschen in den überfüllten Fahrstuhl gequetscht werden konnten. Das war Anfang der Woche im „One World Observatory“, einem Wolkenkratzer, der an der Stelle thront, wo früher die Twintowers des World Trade Centers standen. Aus einer Höhe von knapp 400 Metern hat man einen atemberaubenden Blick über die Stadt. Wenn die zaghafte Wintersonne in den Hudson River eintaucht, die Freiheitsstaue und die Brooklynbridge anstrahlt und den Horizont dabei leicht rosa färbt, fühlt man sich schnell an die kitschigen New-York-Plakate erinnert, die überall verkauft werden. Dass die meisten von ihnen ohne jegliche Bildbearbeitung ausgekommen sein müssen, hätte ich nicht vermutet. – Ein traumhafter Start in einer Stadt, die so einzigartig ist, dass auch eingeborene New Yorker täglich das Smartphone zücken und die verschiedenen Stimmungen an diesem Ort festhalten. – Der vertikalen Überdimensionalität angemessen, allerdings fast nur im Hochformat.

Groß, größer, N.Y.

 (c) Julia Rosner

So extravagant und beeindruckend die Architektur der Millionenstadt auf den ersten Blick jedoch scheint, kann sie dem Fußgänger auf der Straße schnell das Gefühl verleihen, klein und zerbrechlich zu sein. Dazu trägt auch die viele Leuchtwerbung bei, die nicht nur den Times Square ziert. Paradoxerweise hat der Mensch dieses Gefühl des Kleinseins mit dem Bau der riesigen Hochhäuser, mit dem er eigentlich seine Größe demonstrieren wollte, selbst geschaffen. Besonders Manhattan, das Herz von New York, wirkt dadurch an ein einigen Stellen wie eine Filmkulisse. In den Straßen, die von Wolkenkratzern eingeschlossen sind, bündeln sich die Geräusche der Stadt wie in einer Arena.

Unter freiem Himmel, aber doch nicht frei, ist das Wetter dort eine Konstante, die eigentlich nicht stattfindet. Lediglich anhand der Temperaturen, die im März noch sehr eisig sein können, ist das Wetter zu spüren. Ganz selten, wenn man nicht unterirdisch in der Subway oder in einer der vielen Einkaufshallen unterwegs ist und gerade kein vorgebautes Hochhaus über dem Kopf hat, merkt man, ob es Niederschlag gibt oder nicht. Alle anderen Ausprägungen des Wetters nimmt der New Yorker nur über die Nachrichten war – dazu ist wichtig zu wissen, dass dies neben der Berichterstattung über Trump das Thema Nummer 1 ist.

Kleine Oasen

Wie an vielen Orten in den Vereinigten Staaten, gibt es in New York alles, was man sich vorstellen kann – das schließt Restaurants, Geschäfte, Kunst- und Kulturangebote sowie Sportmöglichkeiten mit ein. Doch der „Big Apple“ wäre nicht der „Big Apple“, wenn das alles nicht noch größer wäre als an anderen Orten. Dennoch: wer planlos durch die Stadt schlendert, ohne konkrete Plätze anzusteuern und ohne sich die Zeit zu nehmen, kleine Oasen zu entdecken, wird sich hier immer anonym fühlen. Einmal den Lieblings-Coffeeshop kenngelernt, bei dem man jeden Morgen seinen Greentea-Matcha-Latte kauft und die kleine Galerie im Hinterhof eines Geschäftshauses entdeckt, an der man bis jetzt immer vorbei gelaufen ist, kann  man sich hier sehr wohl fühlen. „Personal space“ ist also auch in New York zu finden. Man muss ihn sich nur suchen und nehmen.

SommerZeit 2019 (c) Robert Boecker

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