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Nicht immer harmonisch, aber gemeinsam!

  • 10.09.20 11:57
  • Paul Söllinger
  •   Kurz und Knapp

Für uns war die gesamte Reise ein ziemliches Abenteuer, das wir lange im Voraus planten. Neben dem schönen Radweg am Wasser, passierten wir viele Dörfer, fuhren über Feldwege, aber auch durch verschiedene Industriegebiete. Vom Fahrrad aus konnte man viele Details wahrnehmen, die einem im Auto oder im Zug verborgen bleiben. Immer wieder überkam mich dabei ein Gefühl vollkommender Zufriedenheit. Wie in Psalm 23 wurden wir ans frische Wasser und an eine grüne Aue geführt. Vor allem aber lernten meine Freundin und ich uns noch einmal neu kennen. Ein besonderes Erlebnis stand uns auf unserer dritten Tagesetappe bevor. Die erste Hälfte brachten wir zügig hinter uns, aber die letzten paar Kilometer hatten es in sich. Ich folgte blind dem Vorschlag meines Handys, über den Weinberg zu fahren. Es ging also sehr steil bergauf. Während Julia nach und nach Bedenken äußerte, ob das wirklich der richtige Weg für uns sei, packte mich der Ehrgeiz. Ich wollte das jetzt schaffen. Kaum hatten wir eine Steigung überwunden, wartete die Nächste. Ich weiß nicht, welcher falsche Stolz mich antrieb, aber ich ignorierte alle Proteste meiner Freundin, ebenso wie die irritierten Blicke der Weinbauern. Völlig fassungslos schauten sie uns hinterher, wie wir uns den Berg hoch kämpften. 

Dankbar für Widerspruch

Als auch noch ein Gewitter aufzog, entschied Julia, dass wir umdrehen. Mir war klar: ihr Entschluss stand fest. Und auch wenn wir schon so weit gekommen waren und ich den Berg gerne überwunden hätte, war ich ihr gleichzeitig dankbar, dass sie diese Entscheidung traf. Beim bergab Fahren wurde mir erst richtig bewusst, was ich uns zugemutet hatte. Unten angekommen fing es auch noch an zu regnen, wir waren völlig geschafft. Doch auch im finsteren Tal, dem Tiefpunkt unseres Urlaubs, wurden wir von Gott geführt. Dank einiger Lektionen entpuppte sich dieser Tiefpunkt im Nachhinein als Hochpunkt. 

Ich lernte an dem Tag, was Jesus mit den Worten „Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille geschehe“ meinte. Ich hörte nicht auf den Rat, einen anderen Weg zu wählen. Ich wollte meinen Willen durchsetzen. Ich lernte, dass wir in unserer Beziehung aufeinander achten müssen. Wie egoistisch war es von mir, Julia diesen Berg hoch zu scheuchen? 

Doch ich lernte auch, dass Gott uns vergibt und wir eine zweite Chance bekommen. Tatsächlich rafften wir uns auf, sammelten alle Energie und fuhren am Moselufer weiter. Ich danke Gott dafür, dass er uns sicher an unser Ziel leitete. Julias Fahrrad Akku unterstütze sie bis 100m vors Hotel und der starke Platzregen setzte erst ein, als wir gerade unsere Fahrräder am Ziel unterstellten. Wir waren trocken geblieben. Trotz der Strapazen, bin ich sehr dankbar für diesen Tag und die Lektionen, die ich lernte. Julia konnte mir am selben Tag verzeihen und so war der restliche Urlaub sehr harmonisch und bleibt uns beiden vollkommen positiv in Erinnerung. 

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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